Bronchitis 2.0

Leiden sie eigentlich noch an Viren oder haben sie schon ein App?“

Fragend schaute ich meinen Arzt an: „App?“

Mein Arzt blickt ebenso verständnislos von seinem iPhone auf, und seine grauen Augen blitzten mich fragend über den Rand seiner Nickelbrille an. Scheinbar vermutete er mich auf irgendeiner Datenwolke, ‚In the cloud‘.

„Früher“, begann er zunächst widerwillig zu referieren, „da hatte man es noch mit Viren zu tun. Diese infizierten Körper und EDV. Damals, als Menschen noch aus minderwertigem Fleisch und rotem Blut bestanden. Aber das ist lange her.“ Ein kurzer Seufzer unterstrich die Bedeutung der Aussage, dass wir schon längst in einem neuen Zeitalter angelangt waren. „Wenn man ein App hat, dann braucht man keine Viren mehr. Apps erledigen alles viel einfacher und kontrollierbarer. Denken sie doch nur an die Grippeepidemien. Einmal generiert, war der Virus kaum noch steuerbar und Rückmeldungen praktisch unmöglich. Einen gezielten Befall gab es nicht. Viren war nicht wählerisch.“

„Und woher soll ich wissen, ob ich ein…“

„App!“, ergänzte er. „Das kommt von APPlication.“

„…habe?“

„SIE müssen doch wissen, ob sie einen App-Store besucht haben. Sie haben doch sicher die Bronchitis-App gedownloaded.“

Irgendwie fühlte ich mich krank und unverstanden. ‚Früher‘, dachte ich, ‚da hatte man Bronchitis und trieb den Virus mit Tee, Inhalationen und Aspirin aus. Und heute? Wie treibt man ein App aus? Nimmt man da den Virenscanner? geht nicht. VIRENscanner! Verschreibt man sich ein Betriebssystemupdate anstatt eines Hustenlösers?‘ Die Welt hat sich unbemerkt unter mir weggedreht, aber wohl vergessen, mich zugleich zu defragmentieren.

Während ich noch immer in meinen Gedanken versunken war – irgendein Systemprozess beschäftigte mich doch sichtlich – kommunizierte der iDoc via Fratzenbuch-Clubmail mit irgendeiner ehemaligen Kommilitonin. Er wird sie wohl nie real nie kennengelernt haben. Wozu auch? In seiner Datenwolke existierte sie real.

Er realisierte, dass ich noch immer anwesend war, ohne dass ich ihn über PingZing angestupst habe. Dabei dachte er, dass mein Task schon längst abgeschlossen sei. Er realisierte auch sogleich, dass irgendetwas das Beenden meiner Anwesenheit auf seinem TFT verhinderte. Und so zwang er das Programm zu einer Reaktion: „Sie haben aber wenigstens ihre Krankenversicherungskarte dabei?“ Ein Vorwurf klang bereits vorsorglich – in Erwartung einer negativen Antwort – in seiner Stimme mit. „Ansonsten könnte ich ihr Betriebssystemupgrade nicht in Rechnung stellen.

„Das nicht,…“ Als hätte er es geahnt. Ein nervösen Zittern umspielte seine Mundwinkel.

„…aber ich hätte…“

Seine Augen bekamen plötzlich dieses unübersehbare Dollarzeichen-Funkeln, als ich meinen neuen Perso aus der Brieftasche zog.

„Noch besser! Wenigstens etwas Positives heute. Ihr Betriebssystem ist ja doch über das 33-Bit-Stadium hinausgewachsen.“ Und schon entriss er mir das Stückchen Plastik; betrachtete seine Beute und ließ sie behende in einem Kartenlesegerät verschwinden.

„Oha!“ Seine Stimmung schlug wieder um. Sein mitleidiges Stirnrunzeln machte mich skeptisch und neugierig zugleich. Das Unheil zeichnete tiefe Furchen auf seiner Stirn. „Sie haben weder ihre Steuererklärung rechtzeitig eingereicht, noch ihre JoyClub-Mitgliedschaft beglichen. Und schauen sie hier…“ Seine Finger glitten über den 26 Zoll 3D-Monitor hin und her, bevor sie unter einem Aktendeckel verschwanden, in der er einige virtuelle Seiten umwälzte.

Er hatte meine vollste Aufmerksamkeit.

„…hier! Der letzte Scan ihres Ausweises, vorgestern in der Sodo-Bar. Und da meinen sie noch, keine Apps geladen zu haben.“

„Zumindest nicht wissentlich. Und sicher keine Bronchitis.“

Ich musste schlucken und die Farbe wich mir irgendwohin, wo sie keiner mehr findet, so lange ich angekleidet war.

„Ich sage nur Blauzahn!“ Mein iDoc schien irgendeine Antwort zu erwarten, aber ich schwieg. Ich kenne Blauwal, Blaukraut, Blaubeeren, aber Blauzahn?

„Eine gute und eine schlechte Nachricht habe ich für sie. Es ist keine Bronchitis. Sie haben sich die iSyphilis App gezogen“, fuhr er fort. „Mit wem haben sie sich gekoppelt? Es ist meldepflichtig. Gestehen sie! Sie wissen doch, sie können hier auch gleich virtuell beichten. Ich leite ihre Stoßgebete per Voice-eMail ‚over the cloud‘ weiter, so dass sie als MMS-SMS beim Pfaffen ihrer Wahl ankommen werden. So kann er ihnen sogleich auch eine adäquate Buße auferlegen.“

Sogleich sah ich, wie er den Datensatz meiner virtuellen Existenz an die zuständigen Gesundheitsbehörde übermittelte.

„Ich muss das melden. Ich werde eine entsprechende Statusmeldung in ihrem Fratzenbuch-Account setzen müssen, um ihre möglichen Bluetooth-Verbindungen zu warnen.

„Syphillis? Ist das nicht gefährlich?“

„Ach belästigen sie mich nicht mit ihren Wehwechen.“

„Aber ich…“ Meine Stimme wurde immer dünner.

„Sie sind noch immer hier?“

„Aber ich…“

„Hier! Ich schicke ihr Strychnin-Rezept direkt an die Apotheke. Das hat schon damals nicht geholfen. Wird es auch diesmal nicht.“

„Aber ich…“

„Ruhe. Ihr Lifecycle-Management wurde sowieso nie gepflegt. Wissen sie: Regelmäßige Updates ihres Flash-Players.“

„Ich hab‘ doch keine Flashs. Sondern Bronch…“

„Na dann warten sie mal, bis dass sie das Strychnin genommen haben. Dann sehen wir mal weiter.“

Ich wollte noch etwas entgegnen. Wollte ich. Aber nachdem wie gerufen seine Dockingstation mit 38D-Titten in der Türe erschien und den iDoc an seinen nächsten Termin – auf dem Golfplatz erinnerte – trottete ich von dannen.

Zu Hause brühte ich mir einen Kamillentee, trank Brühe, und genoss die Wärme des Bettes.

Am nächsten Morgen war alles Geschichte. ‚Ein böser Traum‘, dachte ich. Nachdem ich mich im Fratzenbuch eingelogt habe und mir die Syphilis-Warnung entgegensprang.

 

RavenFox
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