Samba Pa Ti

In Gedanken mit Carlos Santana

Blues beginnt nicht mit Schmerz. Er beginnt mit Hitze.
Wir saßen im Studio, Rücken an Rücken, und der Raum fühlte sich plötzlich zu klein an für zwei Körper, die sich nicht berühren sollten und es doch taten.

Haut an Haut.
Wärme gegen Wärme.
Back to back. Skin to skin.

Ich ließ die ersten Töne von Samba Pa Ti fließen, und sofort war da dieses langsame Glühen, das sich von den Saiten über meine Hände in meinen Rücken fraß, hinein in den Punkt, an dem sie mich berührte.

G-Dur.
h-Moll.
e-Moll.
Jeder Akkord ein Atemzug.

Ihr Rücken bewegte sich kaum merklich gegen meinen, ein leises Wiegen, als hätte ihr Körper längst verstanden, was die Musik wollte.
Die Luft wurde dichter. Ich spielte tiefer, ließ die Töne länger stehen, ließ sie schwingen, bis sie fast körperlich wurden. Ein offenes D, warme Septimen — der Raum begann zu pulsieren.

Sie bewegte sich stärker.
Langsam.
Bewusst.
Ein kaum hörbares Einatmen.

Ich spürte die Wärme ihrer Haut durch das dünne Gewebe, spürte die feinen Bewegungen ihres Atems, die sich meinem Rhythmus anpassten oder ihn herausforderten — ich wusste es nicht mehr. Ich wollte mich umdrehen. Wollte sehen, wie sich ihre Lippen vielleicht leicht öffneten. Tat es nicht. Manche Dinge verlieren ihre Wahrheit, sobald man sie ansieht. Ich glitt in den Mittelteil, ließ die Finger höher wandern, ließ den Ton aufblühen — und stoppte ihn kurz vor dem Ausbruch. Die Spannung blieb im Raum hängen wie ein angehaltener Atem.

Dann Europa.

Weicher. Fließender. Wie warme Luft auf nackter Haut.
Ich roch ihr Parfum: l’Instant. Süß, tief, gefährlich ruhig. Es legte sich über alles, über Holz, Kabel, Metall — und über mich.
Unsere Körper begannen, sich unbewusst aufeinander einzuschwingen. Ein sanfter Druck. Ein Nachgeben. Wieder Druck. Ein Dialog ohne Worte.

Die Basssaiten setzten ein Stakkato darunter, ein Puls wie ein zweiter Herzschlag. Piazzolla schob sich in die Bewegung, ein Tango unter der Oberfläche, ein leises Ziehen in der Tiefe des Bauches. Zwölf Halbtöne. Mehr braucht es nicht, um ein Verlangen zu erzählen.

Ich spürte, wie mein Rücken sich unmerklich an sie lehnte. Sie wich nicht zurück. Im Gegenteil. Dann kam sie, diese andere Melodie, wie ein Schatten über warmem Licht — Tears in Heaven. Ich spielte sie nicht wirklich. Sie war einfach da, wie eine Erinnerung, die sich nicht fragen lässt, ob sie kommen darf.

Ein salziger Geschmack irgendwo hinter den Augen.
Ein kurzer Stich von Vergangenheit.
Und doch blieb der Körper im Jetzt.
Ich hörte auf zu denken.

Blues kommt aus dem Bauch, aus dieser dunklen, warmen Tiefe, in der Sehnsucht und Ruhe dasselbe sind. Ich lehnte mich ein wenig stärker zurück. Spürte sie deutlicher.

Dann eine Hand.
Langsam.
Zögernd.
Auf meiner Hüfte.
Die Welt wurde still.

Ihr Rücken löste sich, aber die Hand blieb. Eine warme, lebendige Schwere, die alles sagte, ohne etwas zu verlangen. Ich wagte kaum zu atmen. Jede Bewegung hätte diesen Moment zerbrechen können wie dünnes Glas. Die Zeit dehnte sich. Ich wollte ihre Finger berühren, sie halten, sie festhalten im Raum zwischen zwei Takten.

Ich öffnete die Augen.
Drehte den Kopf.
Der Raum war leer.
Kein Duft.
Keine Wärme.
Keine Haut.

Nur der Nachhall der letzten Saite.

Und mein Atem, der viel zu laut klang.

Blues beginnt nicht mit Schmerz. Er beginnt mit dem Moment, in dem die Hitze verschwindet und man noch immer glaubt, sie zu spüren.