Riley B.

Für B.B. King

Es gibt Dinge, die man nicht kaufen kann.
Gesundheit. Liebe. Erinnerung.
Und Gran’ma’s Sugar Cane Molasses Sweets.

Damals, nach der Ernte in Itta Bena, kochten sie aus den Resten des Zuckerrohrs klebrige Bonbons für die Kinder der Feldarbeiter. In alten, verklebten Töpfen. Weihnachten kam manchmal schon im Spätsommer. Sie schmeckten wie Kräuterzucker aus der Werbung — nur ohne Kräuter. Und ohne Schweiz.

Die Augen des alten Mannes funkelten trotzig in seinem aufgedunsenen Gesicht, als wir uns auf die Stufen vor der Galerie von B.B.’s Club in der Beale Street sinken ließen. Sein Körper kämpfte mit jedem Zentimeter Bewegung, aber bei jedem Ton aus dem Inneren des Clubs zuckte er leicht, als würde die Musik ihn tragen.

Ich reichte ihm die hellbraune Papiertüte.

Schweiß glänzte auf seiner Haut, während seine Finger zögernd hineinglitten — neugierig, vorsichtig, als würde er etwas Vertrautes berühren, das längst verschwunden war. Schließlich zog er einen bernsteinfarbenen, länglich gerollten Klumpen heraus.

Ein Lächeln breitete sich aus.
Kindlich.
Zufrieden.

Achtzig Jahre schrumpften auf einen Moment zusammen.

Er öffnete die Lippen, zeigte noch immer erstaunlich weiße Zähne und ließ das Bonbon mit einem leisen Schmatzen verschwinden — ein Zaubertrick aus der Kindheit. Während sich der Geschmack über seine Zunge legte, sah ich mich im Raum um.

Schäbig.
Blaue Stahlrohrstühle.
Zu kleine runde Tische.
Ein Geruch aus kaltem Rauch, Bier, Whiskey, Schweiß und teurem Parfum.

Der Rauch hatte hier einen unbefristeten Mietvertrag.

Das war Blues.

Früher hatten alte Männer hier ihren Schmerz gespielt. Heute war alles anders — und doch nicht. In der Beale Street hatten Uhren immer schon ihren eigenen Vier-Viertel-Takt.

Ich ließ Riley Zeit.

Nur seine Kiefer bewegten sich. Das leise Knacken des Zuckers war das einzige Geräusch zwischen uns.

»One more candy, Riley?«

Sein Lächeln wurde breiter. »…Like back in Kilmichael, behind the church after Sunday School?«

Ich lachte.

»Ey man, now I love ’em.«
»Now? And then?«
»It’s all different now, buddy.«

Damals war es nicht opportun gewesen, mit Riley zu reden. Er war schwarz. Ich ein weißer Junge. Heute saßen wir auf seiner Treppe. Warteten auf sein Publikum. Hier war er König. Ein schwarzer König. Musiker. Clown. Magier.

»B.B., ich habe nie verstanden, warum du so viele Gitarristen beeinflusst hast.«

Das Bonbon knackte zwischen seinen Zähnen.

»Ey man… ich auch nicht. T-Bone, Django, Les Paul — sie waren alle besser.«

Er lachte. Sirup glänzte dunkel zwischen seinen Zähnen.

»But Hendrix… Clapton… they call you father.«

»Vater bin ich auch.« Er grinste. »Fifteen kids.«

Ich schüttelte den Kopf und sah in die Tüte. Unten lagen die braunen, kristallisierten Träume. Nicht wie dieser weiße Raffinadezucker — sauber, gleich, bedeutungslos. Diese Stücke waren anders. Jedes ein Unikat. »Singen kannst du trotzdem nicht.«

»Ich weiß.« Er lachte. »Blind Lemon war besser.«

»1972 warst du im Knast.«

Er verschluckte sich fast. »Yes… Sing Sing. Best audience ever. Couldn’t run away.«

Wir lachten. »Und Les Paul?«

»Er brachte mir Lucille.«


Sein Gesicht wurde ruhiger. »1949 in Arkansas… ein Fass mit Feuer, zwei Männer, ein Streit… das Lokal brannte. Ich rannte zurück, holte meine Gitarre. Die Frau hieß Lucille. Seitdem heißen sie alle so.«

Stille fiel zwischen uns.

»Riley, du sagst immer, du bist kein großer Musiker.«

»Ich kann nicht singen, nicht spielen und verstehe nichts von Musik.«

Dann grinste er. »…aber ich spiele aus dem Bauch. Und keiner hat so viel Bauch wie ich.«

Sein Lachen rollte durch die Galerie, brach sich an den Balustraden und kam hundertfach zurück.

Er nahm die Tüte, schaute hinein — leer.

Dann sah er mich an. Sanft. Mit diesem unerschütterlichen Funkeln.

»The thrill is gone.«

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Meinem Vorbild Riley „Blues Boy“ King gewidmet.
(*16.9.1925 bis +14.5.2015)