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Einsame Zweisamkeit

Weiß man es? Ist man allein?

Engelsspuren im Schnee

2013

Advent ist die Zeit, ...
...wenn Engel ihre Spuren im Schnee hinterlassen, ohne dass ein Mensch sie jemals zu Gesicht bekommt.
Advent ist die Zeit, ...
...wenn nachts die unsichtbaren Lichtgestalten des Firmaments auf der Erde wandeln. Wenn sie über unseren Schlaf wachen, während wir träumend von einem anderen Leben in unseren Betten liegen.
Advent ist die Zeit, ...
...wenn wir unsere Gedanken auf das Warme in unseren Herzen konzentrieren, während draußen die eisklare Kälte Besitz von unserer Umgebung nimmt.
Advent ist die Zeit, ...
...wenn jemand dir ein Licht schenkt und an dich denkt.
Advent ist die Zeit.
Wenn ich frühmorgens mit der Sonne erwache und durch die frostigen Felder streife, wandern meine Blicke über reifbedeckte Flächen auf der Suche nach Engelsspuren.
Wer aufmerksam sucht, wird nichts finden. Wer jedoch die Augen schließt, wird es spüren. Ein Engel war hier. Kaum wahrnehmbar, aber im Innern doch präsent.
»Nie werde ich einen Engel sehen,« denke ich, während mich Schritt um Schritt mein Weg weitertrug. »Nie werde ich die Berührung spüren, die nur ein Engel hinterlassen kann.«
Meinen Weg gehe ich dennoch weiter; die offenen Augen geschlossen, um das Fühlen und Verstehen real werden zu lassen.
Als ich in die Allee mit alten Eichenbäumen einbiege, gewähren mir die mächtigen Bäume Schutz vor Wind und Kälte, während zugleich aber die Sonnenstrahlen die kahlen Kronen durchdringen; Licht und Wärme spendend.
Ich sehe das Licht am Ende der Allee. Ein Licht, welches einen magisch anzieht und ruft: „Komme zu mir“. So ist mein Weg gelenkt von diesem Licht.
Ich drehe mich nicht um. Was hinter mir liegt, ist Geschichte und wird auch nicht dadurch lebendig, dass man in Schleifen läuft. In einer solchen Situation werden Gedanken real, die Kälte schwindet, das Sonnenlicht stärkt einen.
Plötzlich vernehme ich einen warmen Hauch in meinem Nacken. Zuerst nur leicht. Meine Nackenhaare richten sich auf. Dann wird die Empfindung jedoch zunehmend stärker. Ich spüre eine Berührung. Zarte Hände streifen und wärmen den Hals, dort wo er nicht vom Schal bedeckt ist.
Irritiert gehe ich weiter. Meine Schritte verlangsamen sich. Die Berührung kann ich nicht einordnen; nicht deuten. Aber die Wärme dieser Hände ist deutlich spürbar und so real.
Mein Blick schweift nach oben, zu den Baumkronen. Ich versuche das Licht zu sehen, dass durch das Geäst bricht.
Eine Hand erkundet währenddessen meinen Haaransatz und zarte Fingerspitzen gleiten in Richtung meiner Ohren. Mal links, mal rechts. Sie spielen mit meinen Ohrläppchen und erkunden meine Schläfen. Ich habe das Gefühl, jemand versucht mich zu erforschen und zu prüfen.
Letztendlich spüre ich die zierlichen Finger auf meiner Stirn, das innere, dritte Auge suchend. Hier vernehme ich einen leichten Druck. Die Finger suchen Zugang zu diesem inneren Auge der Erleuchtung.
Die andere Hand gleitet an meinem rechten Arm entlang, tiefer zu meinem Handgelenk und umfasst es sanft.
Nun habe ich wohl ihre Linke an meiner Stirn und ihre Rechte an meinem rechten Handgelenk. Die Berührungen sind so zärtlich, sensibel und stark zugleich.
Dann plötzlich ein Krachen im Geäst über mir! Ein Ast dieser mächtigen Eiche kann seine Schneelast nicht mehr tragen. Er bricht. Er stürzt hinab.
Sofort werde ich auf Seite gezogen. Diese Hand, soeben noch unendlich zärtlich, erweist sich als gegenwärtig unendlich stark und reißt mich unverzüglich seitlich weg.
Ich reiße die Augen auf!
Ein Schrei entlädt sich!
Das schwere, schneebedeckte Geäst kracht mit lautem Getöse auf den Weg, wo ich noch eben ging. Adrenalin durchflutet mich. Der Atem geht stoßweise. Schweißperlen benetzen die Stirn. Der Puls rast.
Ein tiefes Durchatmen.
Nur langsam, sehr langsam komme ich wieder zu Ruhe und noch langsamer realisiere ich, dass direkt neben mir dieser schwere Ast liegt.
Und nun tue ich das, was ich sonst nie tue: Ich schaue mich um; schaue zurück auf den Weg, den ich gerade noch ging, in der Hoffnung, zu realisieren, wieso mich dieser Ast nicht traf.
Während ich über diesen schweren Ast hinweg schaue, sehe ich es: Ein Paar kleine Fußdrücke begleitet die meinigen soweit mein Blick zurückreicht.

Ein Engel hat mich berührt.