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Treppenstufengeschichten

Freie Dialoge auf den Stufen zu den größten Tempeln der Literaur

Pontius geht zum Pilates

2010

Nachdem Pontius, seines Zeichens Programmdirektor beim Blau-Gelb-Roten Privatsender, die beiden Quotenbringer DSDS und Dschungelcamp zu einem neuen Format kombinierte – Stichwort „Ich bin ein Star. Lasst mich singen!“ – kamen ihm existentielle Zweifel am Sinn dieses Konzeptes.
Singen in Castings war schon seit Langem kein Quotenbringer mehr. Auch Singen unter der Folter konnte die Zielgruppe der finanzstarken 70- bis 90jährigen Frührentner nicht mehr zurückbringen.
Selbst die aktuelle Besatzung des Dschungel Camps, an der Spitze das B-Promi-Quotentrio Silbereisen, Lafer und Lichter zieht irgendwie nicht. Wohlmöglich konnten weder Lafer, noch Lichter etwas Essbares aus Kamelhoden, Alligatorpenis, oder Wandergrille zubereiten; zumindest nicht ohne Argan-Ketchup.
‚Zwei Quotennutten machen noch keinen flotten Dreier‘, sinnierte Pontius, der gerade die Co-Moderatorin Titten-Jule auf dem OP-Tisch verloren hatte. Stichwort hier: „70G anstatt 70F“.
Kann denn jemand in der neuen Show zugeben, ein Star zu sein? Sollte jemand wirklich bereits im Recall in’s Telefon schreien: „Ich will hier raus?“ Würde jener Kandidat freiwillig auf die Chance verzichten, zumindest DSDS C-Promi zu werden, nur damit der Zuschauer nicht Zeuge seines vorzeitigen Einzugs in eine Menowin-Suite im Hotel Klingelpütz, werden darf? Natürlich wissen die Kandidaten noch nichts von dieser Zweitverwertung gescheiterter Seelen. Bei Big Brother wusste auch niemand, was ihn erwarten würde.
Break Out Klingelpütz könnte die Antwort auf Fort Boyard werden; Köln Ossendorf anstatt Atlantik. Immerhin war der alte Klingelpütz mal das Zentralgefängnis der Gestapo im Rheinland und einen Vertrag mit der Justizverwaltung NRW hatte er bereits in der Tasche. Vielleicht wäre dies ein Anschlussformat, welches man im Rahmen des Hartz VI Pay-TV nachmittags anbieten könnte. Und der Zuschauer würde über die Strafe abstimmen: „Hängen, Guillotine, oder DSDS-Wiederholungen mit all diesen Superstars, die nur noch Google kennt… wie hießen sie noch gleich?“.
Richterin Domina Salesch würde ihre Robe öffnen und in Strapsen und Corsage das Urteil dem Unglückseligen entgegenschmettern: „Schuldig im Sinne der Quote!“. Die Meute im Publikum würde gröhlen und „Zugabe“ schreien.
Pontius wanderte gedankenschwanger durch den Kölner Grüngürtel – sozusagen, dem Cologne Jungle – und stets bereit, seine eigenen Dschungel-Prüfungen zu bestehen: dem Ausweichen von Hundehäuflein auf den Gehwegen. Aber gab es nicht für jeden verzehrten – sie wissen schon – einen Stern? Und war nicht jeder Stern zugleich eine Mahlzeit wert? Damals, als es im Dschungel Camp noch etwas zu essen gab. Damals, bevor die Sieger die Verlierer fressen durften, sofern sie nicht vorzeitig gingen.
Pontius strebte nach anderen Sternen. In seinen Gedanken sah er sich bereits auf dem Walk Of Fame in LA niederknien; Hände und Füße in frischen Beton pressen, in die Kameras lächeln, um dann seinen Stern huldvoll präsentieren zu können. Er würde den Talk Of Shame umkrempeln lassen. Nicht diese Schauspieler, diese Marionetten, haben Sterne verdient. Nein, die Produzenten sind die wahren und kreativen Strippenzieher. Ihre Sterne mussten hier erstrahlen. Pontius würde gleich Morgen mit dem Vorsitzenden der 3D-Movie Academy telefonieren.
Aber dann kamen ihm doch wieder Zweifel. ‚Wie groß war das Risiko, dass der erste Stern an diesen Raab gehen würde und nicht an ihn?‘ Schlag den Raab wird real! Treff‘ ihn, wo er am empfindlichsten ist.
Pontius würde diese Lena kidnappen, noch bevor sie in diesem Düsseldorf ihren World Song Contest – formerly known as Eurovisio… sie wissen schon – zum 12. Mal verteidigen könnte. Verdammt, wie hat es dieser Raab nur geschafft, das internationale Telefonvoting zu manipulieren? Ihn hatte es doch schon ein Vermögen gekostet, alleine die nationale Gleichschaltung der Anschlüsse für DSDS zu erreichen und zugleich das Call Center in Bangladesh zu beauftragen, immer wie gewünscht zu voten.
Pontius schlenderte weiter, vorbei am Aachener Weiher. Studenten der Sporthochschule überholten ihn joggend. Er würde zum Pilates gehen. Diese Lena trainiert dort ihre Beckenbodenmuskulatur, die seit ihrer Gewichtszunahme – ein Kilo je Grand Prix – doch deutlich schlaffer wurde.
‚Platsch!‘ Er grinste. Einer der Studenten hat sich soeben einen Stern verdient. Sicher könnte er ihn gegen ein Jungle Meal – wohlmöglich Kakerlaken im Reisrand – eintauschen.
Zumindest würde er nicht mehr mit diesem umgepolten Alt-68er im Dschungel teilen müssen. Obwohl er damals sicher auch gerne die Uschi in der Kommune durchgevögelt hätte. Aber nun sitzt dieser Langhans ebenfalls in Ossendorf und wartet auf sein Break Out, oder das Salesch-Urteil.
Pontius denkt an Zalando. Wie kommt er nun darauf? Voll sozialverträglich reduzierte Boots für den Langhans.
Er schreit vor Glück!
Die würde er beim Urteilsvoting tragen. Moon Walk in Moon Boots. Das würde selbst den Titan aus Tötensen aus seinem Rollator schmeißen.
Der Rest ist schnell erzählt:
Pontius ging zum Pilates, kidnappte Lena, zeugte sieben Kinder mit ihr und starb letztendlich beim Versuch, in seinen 3D-Heimkino die Konfiguration für das interaktive Programm „Steinigung“ zu ändern. Er verschlucke einen Kiesel, dessen Flugbahnkoordinaten er falsch eingab.
Mit Widerwillen auf den Treppenstufen eines Studios des Kölner Fernsehsenders RTL notiert.