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Albert (I)

„Nein Albert! Das schreibst du jetzt nicht ab!“
„Lass mich doch. Ich mag die Eleganz dieser Formel.“
„Albert. Ich bitte dich. Niemand wird es verstehen. Wie soll denn Energie mit Masse und der Lichtgeschwindigkeit verknüpft sein. Nun gut. Das Quadrat gehört auch dazu. Das kannst du dazu haben.
 Das gibt es gratis.“
Er vernahm meinen gereizten Unterton und fragte: „Darf ich es denn nicht nehmen?“
Albert begann schon wieder zu schmollen. So wie immer, wenn er nicht erreicht, was er wollte. So wie immer, wenn das faule Genie abschreiben wollte.
„Nun gut, Albert.“ Ich setzte mein Gönnerlächeln auf. „Aber wenn du es diesmal verwenden möchtest, dann bitte vollständig. Mit dem Quadrat. Nicht so, wie bei diesem Unsinn über den Photoelektrischen Effekt damals, den du in Chemie von mir abgeschrieben hast.“
Ein Lächeln huschte über Alberts Gesicht. Wie kann man doch mit kleinen Dingen großen Menschen eine Freude bereiten.
„Danke“, murmelte Albert in denen jungen Flaum, der später einmal als Bart Teil seines markanten Gesichts werden sollte.
Albert sah immer schon so aus, als ob er gerade von der Spaltung der Bieratome träumte. Hierbei haben wohl einige Elektronen die Kopfhaut durchschlagen und das Chaos des Weltalls auf sein Haupt gezaubert. Elektrostatik nennt man dies.
„Nein, Albert!“ Ich presste wütend die Worte zwischen den Lippen hervor. Immer in der Furcht, der Weber würde es vorne am Pult hören. „Du darfst das nicht in die Bank ritzen.“
Er war wieder aufsässig und ich sollte es dann wohl wieder ausbaden. So war er schon, seitdem er auf das Luitpoldgymnasium kam. Albert der Aufsässige.
Wenigstens tat ihm der Violinunterricht gut. Dabei regte er sich ab.
Verschämt steckte er das Taschenmesser wieder weg.
„Albert, ich sage dir, irgendwann wird so ein Hawking kommen und die Theorien einmal zerreißen. Das wird die späte Rache des Abschreibens.“
Dabei war dies noch nicht einmal der erste Unsinn, den wir aus Langweile so niederkritzelten. Wir zerfledderten den Äther, die Lichtquanten, die Molekularbewegungen und verschiedene Violinkonzerte.
„Albert, lass den Unsinn. So relative Theorien will doch keine Sau hören. Und niemand wird dir abnehmen, dass Licht um die Ecke leuchten kann. Niemand. Selbst ein Nobelkomitee nicht“
Einige Jahre später bekam Albert MEINEN Nobelpreis für SEINE Theorie des photoelektrischen Effekts.

Albert (II)

Die zweite Unterhaltung, 2011

Die Zeit dreht sich im Kreis.
Das Zeit eine gerade Linie ist, ist ein Gerücht moderner Physik. Wir denken, Ereignisse folgen aufeinander und das Kommende wird immer erst nach dem Vergangenen erscheinen. Immer.
Der kleine Mann mit den wirren Haaren legt seine Geige beiseite und schaut mich grübelnd an. „Die Zeit muss linear sein“, sinniert er.
„Maximal ist sie gekrümmt. Aber sie bildet in sich kein geschlossenes Band.“
„Die Maya sahen es anders“, entgegne ich. „Warum weigern wir uns, das alte Wissen zu übernehmen?“
„Du kannst nicht die Intuition über das alte Wissen stellen.“
„Doch. Das kann ich und ich muss es sogar. Albert, du hast den Nobelpreis gar nicht für die Relativitätstheorie erhalten. Also muss deine Zeit nicht das Maß aller Dinge sein.“
„Mein Universum basiert auf der Feststellung, dass Zeit linear ist. Sie ist berechenbar und kann daher eindeutig an jeder Uhr abgelesen werden.“
„Nicht unbedingt, Albert. Die Revolutionen der Zeiger wiederholen ihre Position im Zwölfstundentakt.“
„Das Vergangene ist vorbei. Es ist passé! Vielleicht mag die Zeit ein wenig gekrümmt sein, so wie sich die Tempi eines Violonkonzertes variieren lassen.“
„Mein lieber“, bemerke ich, „Bei allem Respekt. Aber beginnt das Concerto am Ende nicht wieder mit seinem ersten Satz? Spätestens im nächsten Konzert.“
Er schaut mich an, seine Argumentation überdenkend. Dies ermuntert mich, fortzufahren: „Beginnt das Leben nicht neu nach der Unendlichkeit?“
Ich sehe, wie der alte Mann mit dem Geigenbogen zunächst Striche in die Luft zeichnet. Langsam. Bedächtig. So als wäre es seiner nicht sicher; so als hinterfragt er die Symbolik der Figur. Da beginnt der Geigenbogen - zunächst unmerklich - seine Bahn zu ändern. Aus Strichen werden langgestreckte Ellipsen, die sich immer weiter aufblähen und langsam Kreise gebären. Letztendlich schreibt der Bogen in seiner Hand perfekte Zirkel in den Himmel.
„Kreise“, murmelt er. „Transzendent. Wiederkehrend. Periodisch. Die Zeit käme mit 2 mal Pi mal Radius der Zeit wieder und wieder. Meinst du wirklich, es könnte so sein. Welches wäre dann der Radius? ein Tag, ein Jahr, Millenia?“
"Ach, schließen wir einfach die Augen und stellen uns vor, dass Zeit ein wiederkehrendes Ereignis ist. Stelle wir uns mal für ein paar Minuten lang vor, dass wir das Vergangene neu erleben können. Nicht nur einmal. Immer wieder, wenn wir nur unsere Augen dafür öffnen.“
Ich entnehme einen Donut aus der Papp-Faltbox. „Die Zeit kommt wieder, so wie wir den Donuts immer wieder neu - aber dennoch stehts gleich - sehen. Ganz gleich, wie oft wir ihn um das Loch seiner Achse drehen. Es bleibt der gleiche Donut.“
„Mit dem gleichen Loch in der Mitte deiner Theorie“, muss Albert schmunzeln, während er zugleich den Zuckerguss von seinen Lippen schleckt.
„Die Zeit“, fährt er fort, „würde uns wieder einholen müssen, wenn sie uns erreichen will? Sie wäre dann schneller als das Licht! Es kann nicht sein.“
„Mitnichten! Nicht Geschwindigkeit ist das Geheimnis. Vielmehr ist es die Langsamkeit unserer Empfindung, mit der wir uns bewegen und darauf warten, noch einmal neu beginnen zu können. Die Zeit sehen wir an uns vorbeihuschen, wie Leitplanken an der Autobahn. Haben wir nicht einmal geliebt? Was passiert, wenn wir nicht einfach geradeaus lieben? Denn auf der Linie der Zeit wird Liebe irgendwann Geschichte sein und hinter uns liegen. Aber dreht sich nun diese Zeit im Kreis, kommt die Liebe wieder, und wieder, und wieder. In immer gleicher Abfolge der Ereignisse: Sehen - Begreifen – Lieben. Wir werden wieder lieben können. Sich neu verlieben zu können ist eine Gnade der Zeit.“
Albert lächelt an den Gedanken an Liebe und verzieht zugleich das Gesicht, bei meinem Monolog. Er erwidert: „Wir würden die gleichen Fehler immer wieder machen wollen. Uns fehlt der Mut, diesen Donut zu kippen, oder gar mit der glasierten Seite nach unten abzulegen. Denn dann käme die Zukunft zurück.“
„Aber hat der Kreis nicht eine perfekte Eleganz?“
Albert malt keine Kreise mehr. Die Bewegung des Geigenbogens werden wieder flacher zu Ellipsen; dann tailliert mit zwei hantelförmigen Bäuchen an den Seiten und einer deutlichen Einbuchtung in der Mitte. Final bricht er mit der Bewegung. Die Spuren der Einbuchtungen berühren sich und dann kreuzen sich die Bahnen sogar. Nun malt er liegende Achten. Das Zeichen der Unendlichkeit.
„Ja“, lächelt er, „die Zeit erscheint wieder, aber aus verschiedenen Richtungen. Manchmal erwarten wir sie von rechts und dann sehen wir sie Links. Oder umgekehrt.“
„Die Brezel des Lebens?“
„Unsinn! Die Unendlichkeit des Seins. Die Liebe, die uns unvermittelt immer dann trifft, wenn wir es nicht erwarten.“