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The Blues is gone

Nach dem Blues ist vor dem Tod

Wenn es mir nicht gut geht, schreibe ich Geschichten. Es sind sehr viele geworden.

Nachdem es wieder aufwärts ging, blieben die Geschichten.

Meine liebsten Geschichten handeln vom Blues.

Weihnachten fällt aus

2012, oder so

Trotzig stapft Anna durch den ‚frischen Schnee. Knietief versinkt sie bei jedem Schritt. Links neben ihren Fußabdrücken zieht sich eine Schleifspur entlang.
Es dämmert. Bald würde die Sonne ganz verschwunden sein. Wenn Anne über ihre Schultern schaut, sieht sie einen schwachen roten Schein am Horizont. Dort kommt sie her.
Als sie aus dem Wald wiederkam war plötzlich alles anders. Niemand war da. Ihre Schwestern waren weg. Tante Maria ebenso. Auch ihre Mutter war nirgends zu sehen. Auch Josip, ihr großer Bruder fehlte. Papa hatte sie längst verlassen.
Niemand war da.
Anne realisiert, dass ihr Teddy im Schnee schleift. Sie nimmt ihn auf. Drückt ihn an sich.
Der Blues
Am Ende des Schmerzes
Nur wer den Schmerz erlebt hat, kennt den Blues.
Nur wer die Freude erlebt hat, ist in der Lage, den Blues zu spielen. Freude und Leid gehören zusammen. Ohne das eine gibt es das andere nicht.
Nun sitze ich hier mit ihr im Studio. Rücken an Rücken. Wir sehen uns nicht. Schauen bewusst in entgegengesetzte Richtungen. Aber wir spüren uns:
Back2Back and Skin2Skin
Wir hören ‚Pride And Joy’ von Stevie Ray Vaughn, einem weißen Blueser, aber nun gesungen von Bonnie Raitt. Eigentlich passt es nicht zur Situation. Dem Song fehlt die Ruhe. Wir hören dennoch zu und folgerichtig breitet sich Unruhe und Unwohlsein aus.
Ich stoppe die CD, denn der Mensch an meiner Seite wird unruhig. Ihr Rücken bewegt sich unmerklich und reibt sich an meinem.
Nun aber genießen wir für einige Minuten die Stille. Eine Gitarre liegt neben mir. Die Ovation mit dem weichen, vollen Klang. Ja sie könnte auch beißen, wenn ich sie ließe. Aber sie ist im Wesen ein ruhiges Instrument.
Wenn Stevies Musik nur nicht wäre, ja dann ...
Ich weiß sofort, was ich spielen werden...
Der kleine Finger greift auf den siebten Bund der D-Saite ein A, der Zeigefinger anschließend im vierten Bund auf der G-Saite das H, um dann mit einem Slide in den fünften Bund bei C zu landen. Dann weiter zum siebten Bund, zum D ...
...ein altes Stück Musik. Ein Blues von Carlos Santana: ‚Samba Pa Ti’.
„Latin“ Blues. Nicht Samba.
Sie beruhigt sich wieder. Es ist schön zu spüren, wie meine Musik Ruhe geben kann. Sicher ist es auch passender, selbst zu spielen, als diese Konservenmusik zu hören. Die innere Unruhe weicht gemächlich wieder aus unseren Köpfen.
Stevie war wohl doch daneben. Vielleicht ist es so, als würde man Ozzy Osborne zur weißen Hochzeit in der Kirche spielen lassen.
Es ist interessant zu sehen – nein: nun zu spüren – wie Musik unsere Stimmung unterstützt und vielleicht auch lenkt.
Eine kleine Improvisation.., sanft und leise auf G-Dur, H-Moll, E-Moll und A-Moll7 und wieder zurück auf G.
Mitnichten klingen diese Moll-Akkorde traurig! Es sind Carlos’ Akkorde. Nehmen wir noch ein D-Dur und ein paar Septimen hinzu, dann wird es tief, gefühlvoll, hineingleitend in eine Trance.
Die Musik umfängt uns. Ich spiele diese Akkorde nur für sie.
Ich spüre, wie sie sich bewegt. Nun ist es ein anderes Bewegen.
Nicht, wie die Hektik zuvor. Es fühlt sich wohlig an. Sinnlich. Ich spüre ihre Haut warm an meinem Rücken.
Ich habe das Bedürfnis, mich umzudrehen und sie anzuschauen. Aber ich wiederstehe diesem Wunsch und konzentriere mich auf das Fühlen der Wärme an meinem Rücken.
Stattdessen schließe ich meine Augen. So sehe ich sie viel besser. Das innere Auge erkennt Menschen besser als die äußeren Augen, die lediglich die Hülle eines Menschen erfassen.
Im Mittelteil von Samba Pa Ti ändert sich die Lage. Die Finger gleiten hoch zum zwölften Bund. Der Anschlag wird lauter. Aber ich spiele Samba Pa Ti weich mit den Fingern. Ohne Plectrum.
Meine Finger ruhen einen Augenblick auf dem Griffbrett. Ich halte inne und lasse die Töne ausklingen.
Nein, ich werde jetzt nicht den lauten, starken Mittelteil spielen. Das Erlebnis mit ‚Pride and Joy’ habe ich noch zu gut im Gedächtnis. Stattdessen leite ich zu ‚Europa’ über. Ebenfalls von Santana.
Ich gleite vom Blues in eine Mischung aus Salsa und... will einfach nur fühlen: Musik und Haut.
Ich will vergessen. Abtauchen in eine andere, schöne Welt voller Zufriedenheit. Der Wunsch soll Realität werden können. Zumindest sollte er es können.
Ihren Rücken spüre ich und mit geschlossenen Augen sehe ich sie.
Ich rieche ‚l’Instant‘ von Guerlain. Ihr Parfum. Zum Glück rieche ich nicht mich selbst. Ich rieche sicher nach ‚Obsession’ von Calvin Klein und nach Schweiß von mir. Irgendwie. Denn unsere Probe zuvor war lang und anstrengend.
Wir reden kein Wort. Jedes einzelne davon würde nun stören.
Sie dominiert mein Denken, aber dennoch schweifen meine Gedanken ab. Ich merke gar nicht, dass ich mich längst vom Fluss der Melodie entfernt habe. Ich habe ein Thema von Astor Piazzolla aufgenommen. Einen Tango Nuevo. Ein wenig rhythmischer als der Blues. Ein wenig lauter und lebendiger.
Das Stakkato des Daumenschlags beim Spielen der Basssaiten klingt nach und unsere Körper reagieren auf diesen Rhythmus. Und prompt merke ich etwas mehr Druck am Rücken. Sie reibt ihre Haut an meiner.
„Astor hat schon immer gute Dienste geleistet.“ denke ich nur, obwohl ich es nicht so meine. Ich drücke den Gedanken beiseite. Meine Musik drückt Gefühle aus. Sie soll nicht dominieren oder lenken. Sie darf es nicht. Die Musik ist der Ausdruck des Gefühls, aber nicht dessen Ursache.
Es bleibt nicht dabei. Warum nur gibt es so viele verwandte Musikrichtungen? Auf Kuba gibt es nichts schöneres als die Musik des Buena Vista Social Clubs. Lässig, locker, voller Freude und Erfahrung. Wieso denke ich jetzt an die alten Herren mit ihren Zigarren im Clubsessel sitzend? Was hat dies mit ihr zu tun?
Das Leben beschreibt sich immer wieder in den gleichen zwölf Halbtonschritten; aber immer wieder anders kombiniert zum Melodie unseres Daseins.
Nun lehne ich mich selbst zurück. Verstärke den Druck ein wenig. Nur ein wenig. Ich sehe sie immer besser. Meine Augen sind noch immer geschlossen.
Ein wenig improvisiere ich. Mir kommen die Harmonien von ‚Tears in Heaven’ auf Fis-Moll in den Sinn. Ein Stück, so wunderschön, wie auch traurig zugleich. Eine wunderschöne Traurigkeit voller Glück. Kann man dies beschreiben?
Do you know my name,
If I see you in heaven.

Ich spüre Tränen. Meine Tränen. Ich denke an dieses Jahr 2001 zurück, als ich dieses Lied erstmalig hörte. Als 9-11 geschah, als Clapton seinen Sohn verlor und ich orientierungslos und „undersexed“ umherlief.

Diese Gedanken sollen nun aber nicht mein Denken bestimmen. Also schnell auf etwas anderes fokussieren. Aber auf was? Ich kann und ich will meine Gedanken nicht kontrollieren.

So halte ich einfach inne, um meine Konzentration zu sammeln.

Man kann keinen Blues aus dem Kopf heraus spielen, wie es der weiße Mann meint. Zu meinen: „Jetzt spiele ich mal einen Blues“ kann es nicht geben. Darf es nicht geben.

Blues kommt immer aus einem schwarzen Bauch. Immer. Manche weißen Männer haben schwarze Bäuche, wie Eric Clapton, Gary Moore oder eben Stevie Ray Vaughn. Und auch mein Bauch wird immer dunkler.

Ich spüre diese Traurigkeit in Verbindung mit den glücklichen Momenten. Ich spüre dies Besitzen, Teilen, Loslassen und Freigeben. Ich spüre Nähe in der Distanz. Ich habe alles und nichts zugleich.

Warum kann ich eines davon nicht aufgeben, das andere behalten, ohne beides zu verlieren? Warum?

Sie spürt meine Verwirrung. Mein Zögern. Sie merkt, dass diese unvermittelte Stille irgendwie gebrochen werden muss, um mich aus der Melancholie zu erwecken.

Auf einmal spüre ich ganz sanft – kaum merklich – wie sich ihre Hand auf meine Hüfte legt.

Ich wage nicht zu atmen. Reagiere nicht und fühle mich gelähmt, doch fliegend, im Gefühl dieser zärtlichen Geste. Sie hat gemerkt, dass ich zögere.

Ihre Hand bleibt, während ich zugleich merke, dass der Druck im Rücken nachlässt, gar nicht mehr zu spüren ist.

Ich bin irritiert. Aber ich spüre ihre Hand und weiß. Sie ist da. Sie ist nahe.

Für eine Sekunde vermisse ich sie. Ich sinke nach vorne, aber halte meine Augen geschlossen, denn ich spüre ihre Hand.

Irgendwann halte ich es nicht mehr aus. Ich möchte ihre Hand ergreifen und öffne meine Augen.

So drehe ich meinen Kopf und schaue mich um. Ich lehne an einer Wand im Studio...

Und ich bin wieder alleine.

Valerie

Only 27

2011 mit Tränen geschrieben

In jener Julinacht war es kalt und nass in London. Monoton fallende Regentropfen unterteilten die Düsternis in kleine Fragmente. Der Herzschlag der Nacht legte sich mit Melancholie über nasse Straßen und Gassen. Der Regen erinnerte die Stadt daran, dass die Zeit nur geborgt war. Eines Tages würde jeder einzelne seine Zeit zurückzahlen müssen.

Für Amy war es ein letztes Taktmaß; ein stetiges »Platsch, platsch, platsch«.

Zu jedem Taktanfang gesellte sich – immer dann, wenn ein Tropfen auf den kleinen Blechtisch traf – ein helles »Ping«.

»Ping, platsch, platsch, platsch. Ping, platsch, platsch, platsch.«

Die Nacht hatte ihren eigenen Rhythmus. Man muss ihn nur erkennen und leben.

Amy hatte die Türe zum Balkon geöffnet und der kühle Wind schlug ihr entgegen. Sie war alleine. Ihre Einsamkeit dauerte bereits siebenundzwanzig lange Jahre. Sie war alleine zu Hause bei den Eltern, die sie nie wirklich verstanden. Sie war allein in ihren Beziehungen und besonders in der kurzen Ehe. Crack machte sie noch einsamer und raubte ihr die letzten Freunde.

Und nun war sie alleine mit dem »Ping, platsch, platsch, platsch.«

Die Rehab‘ hatte sie irgendwie überstanden. Alkohol und Drogen lagen hinter ihr. Weit und dennoch in Sichtweite nah. Sie stand an der offenen Balkontüre. Unmerklich begannen ihre Finger den Takt der Regentropfen aufzunehmen.

»Ping, platsch, platsch, platsch.«

Sie schaute auf die träge und schwarz fließende Themse hinunter und der Blick folgte den fernen Lichtern, die sich gelegentlich auf den Wellenkämmen spiegelten.

»Well, sometimes I go out by myself,
And I look across the water.«

Plötzlich fühlte sie sich nicht mehr alleine. Brian gesellte sich zu ihr. Sie konnte seine Gegenwart spüren. Dort am Tisch schien er mit den flachen Händen den Takt aufzugreifen und auf der Kante des Tischs mitzuschlagen. Aus dem Regen wurde der blauschwarze Soul.

Von fern nahm sie vermeintlich den singenden Schmerz einer Fender Stratocaster wahr.

Amy hielt inne. »So spielte nur Jimi«, dachte sie. »Aber Jimi ist doch tot?«

Es war eine Frage voller Zweifel.

Brian nickte zustimmend. »Auch Jimi ist tot.«

Ein Stuhl wurde herangerückt. Das Schleifen der Stuhlbeine auf den Betonplatten klang verstörend schwerfällig und verlor sich dann doch gleich wieder im Regen.

»And I think of all the things, of what you're doing.«

…nahm Amy die Melodie wieder auf, als Janis leise mit ihr einstimmte:

»And in my head I paint a picture.«

Amy fühlte sich plötzlich nicht mehr alleine. Diese Seelen verstanden sie. Aeolische Klänge begleiteten ihren Soul. Sie schloss die Augen und trat einen Schritt vor in den Regen und breitete ihre Arme aus. Langsam befeuchteten die Tränen des Himmels ihre Wangen und vermischten sich dort mit ihren eigenen salzigen Tropfen, die über die knöchernen Wangen rannen.

Jim lehnte an der Brüstung und schaute irgendwie weggetreten zu ihr rüber. Er lächelte sie an und streckte die Hand aus. Scheinbar wollte er sagen: »Komm zu uns«, aber Amy zögerte. Sie fühlte sich unansehnlich und der Text ihrer Musik spiegelte es deutlich wieder:

»Since I've come home, well my body's been a mess, and I miss your ginger hair, and the way you like to dress.«

Vielleicht war es Kurt, der schließlich den Ausschlag gab, als er mit einstimmte:

»Oh, won’t you come on over. Stop making a fool out of me,«

Janis nahm sie bei der Hand und leitete sie hinaus an die Brüstung. Beide schauten über die im Regen ruhende Stadt. Die Tränen des Firmaments nahmen vollends von ihr Besitz. Und der Himmel sang:

»Why don’t you come on over,…

Valerie.«

Amy Winehouse (14. Sept. 1983 bis 23. Juli 2011) gewidmet. 

Riley B.

2015

Es gibt Dinge, die kann man für Geld nicht kaufen. Natürlich gehören Gesundheit und Liebe dazu; aber auch Erinnerungen und Gran’ma’s Sugar Cane Molasses Sweets. Damals, vor gut einem Jahrhundert, wurden sie nach der Zuckerrohr-Ernte aus den Überresten der Ernte in Itta Bena, Mississippi, für die Kinder der Feldarbeiter in alten verklebten Töpfen gekocht. Weihnachten fand dann schon einmal vorab im späten Sommer statt.
Die klebrigen Melassebonbons schmecken etwa wie der Schweizer Kräuterzucker aus der Werbung. Nur ohne Kräuter und weniger nach Schweiz. Aber wer hat’s erfunden?
Einzig die funkelnden Augen des alten Mannes trotzen dem Verfall seines von Diabetes gekennzeichneten aufgeschwemmten Körpers. Sie strahlten, als wir uns auf den Stufen zur Galerie des B.B.‘s Club in der Beale Street, Memphis, Tennessee, mühsam niederließen. Die Krankheit hat den massigen Körper fast bewegungsunfähig gemacht und dennoch hüpfte er bei jedem Ton der fernen Musik auf und ab. Der alte Mann musste darum kämpfen, sich auf den Stufen niederlassen zu können. Mein Kampf hingegen bestand anschließend darin, neben ihm auf der schmalen Treppe noch Platz für mich zu finden.
Nach einigen tiefen Schnaufen hielt ich ihm eine hellbraune Papiertüte hin. Schweißperlen drängten sich neugierig durch die Poren seiner Haut, während seine Hand zögerlich, – in neugieriger Erwartung des ihm so vertraut-Unbekannten – in die Tüte griff. Ungewohnt gelenkig demonstrieren sie trotz der Gicht ein gewandtes Fingerspiel; gekrönt von dem Erfolg, am Ende einen länglich gerollten bernsteinbraunen Klumpen aus der Tüte zu ziehen.
Ein Lächeln deutet an, dass der alte Mann mit dem Gewinn seiner Bemühungen mehr als zufrieden war. Eine kindliche Zufriedenheit. Eine kristallisierte Erinnerung an die gut achtzig Jahre zurückliegende Jugend, die viel zu kurz gewesen ist; für ihn, wie für alle seiner Zeit in Tennessee.
Dann öffnet er seine fleischigen Lippen, entblößt eine Reihe noch immer weißer Zähne und ließ das Bonbon genüsslich mit einem Schmatzen verschwinden. Ein Zaubertrick, den er seit der Kindheit nicht mehr aufführen durfte.
Während sich der lange nicht mehr erlebte Geschmack der Jugend über seiner Zunge ausbreitete, schweiften meine Augen über den Raum. ‚Schäbig‘, denke ich. ‚Blaue Stahlrohrstühle an viel zu kleinen, runden Metalltischen in verrauchter Atmosphäre‘. Der kalte Rauch in diesem Raum lässt sich auch nun, Jahre seit Einführung des Rauchverbots, nicht mehr verdrängen. Dieser Geruch gehört einfach dazu. Er hat hier einen unbefristeten Mietvertrag, ohne Miete zahlen zu müssen. Des Abends bekommt er Besuch vom Geruch des frisch gezapften Biers, von Whiskey, vom Schweiß und teurem Eau de Parfum der Besucher im Blaumann oder weißem Kragen. Diese Melange, die Blues zu dem machte, was er ist.
Früher hatte man sich so und nicht anders einen Blues Club vorgestellt. Alte Männer spielen sich den Schmerz des Lebens von der Seele. Früher. Aber die Zeit ist in niemals enden wollender Bewegung. Nur nicht hier. Nicht hier in Memphis, Tennessee. Hier in der Beale Street hatten die Uhren schon immer einen ganz eigenen Vier-Viertel-Rhythmus, sofern es überhaupt Uhren gab.
Ich habe Riley Zeit gegeben.
Während er sein Bonbon lutschte und die Vergangenheit über die Geschmacksnerven wieder in sich aufnahm, habe ich geschwiegen. Nur die Bewegungen seiner Kiefer durchbrachen die Stille. Ich hörte, wie seine Zunge begann, mit dem Bonbon zu spielen; es hin und her schob, wie er den melassesüßen Saft schluckte, bis dass letztendlich die Vergangenheit drohte, mit dem letzten Rest des Bonbons zu versinken.
»One more candy, Riley?« …
»…Noch ein Bonbon? So wie damals in Kilmichael hinter der Kirche nach der Sunday School?«
Da war wieder sein verschmitztes Lächeln. Seine Wangen rundeten sich vor Erwartung, als seine Gesichtsmuskeln ihm andeuteten: Jetzt lache ich.
»Ey man, do ya know, now I love ´em.«
»Now? And then?... Nun? Und damals?«
»It’s all different now, buddy... Nun ist alles anders. Alles«
Damals war es noch wesentlich schwieriger – da nicht opportun – sich mit Riley zu unterhalten. Riley war schwarz. Und für einen weißen Jungen, wie mir, gehörte es sich nicht, sich mit einem Schwarzen zu unterhalten.
Nun war dies – geringfügig – anders. Wir saßen in seinem Club, auf seiner Treppe und warten heute, wie jeden Tag auf das Publikum des Abends: Sein Publikum. Hier war er der König. Aber eben „nur“ ein schwarzer König. Ein Exot in den Augen der Weißen. Der Spieler, der Clown, der Unterhalter der Massen.
»B.B., ich habe nie verstanden, warum du so viele Gitarristen beeinflusst hast: Hendrix, Clapton, Gilmore, diMeola, und, und, und…«
‚…und mich‘, fügte ich leise in Gedanken hinzu.
Das Melassebonbon krachte zwischen seinen Zähnen, als er zubiss.
»Ey man,…«, begann er: »Ich habe es ja auch nie verstanden. T Bone Walker, Les Paul oder Django Reinhardt, Alexis Korner, Steve Winwood,… sie alle waren oder sind so viel besser als ich. Oder insbesondere Robert Lockwood, von dem ich später noch viel lernte.
Wer beeinflusste wen?«
Das Bonbon kullerte durch seinen Mund, als er lachte und weiße Zähne mit dunklem Sirup entblößte.
»Aber Jimi Hendrix, oder Eric Clapton berufen sich auf dich als musikalischer Vater.«
»Vater bin ich auch.« Er grinste.
»I really do have 15 kids… Ich habe 15 Kinder. Aber nicht von der gleichen Frau.« Nun lachte er. »One woman, one kid, you know what’a mean.«
Ja. Ich wusste, was er meint. Ich schaute gedankenverloren in die braune Papiertüte hinab, welche ich mit beiden Händen fest umklammert hielt. Tief unten lagen die süßen Träume, aus Melasse gerollt. Fest kristallisiert und zuckersüß, aber alles andere als so steril, wie arisch weißer deutscher Raffinadenzucker. Lauter kleine, weiße Kristalle. Alle gleich, alle unbedeutend klein. Wie großartig hingegen sind hingegen diese Melassestücke. Jedes einzigartig.
»Tja Riley. So wirklich singen kannst du auch nicht.«
»Ich weiß. Blind Lemon war besser. Lonnie Johnson ebenso. Aber du hättest sie hören sollen, wenn ich bei ihnen war. Als der kleine B.B. für den Nachwuchs sorgte.«
»Talking‚ bout singing, Riley… ich meine das Singen.«
»Me too« Er lacht.
»1972 warst du im Knast, alter Mann.«
Riley verschluckte sich fast am Karamell. »Yes, I did Sing Sing…«
»You did?«
»I did… „Ja, war ich. In Sing Sing. Es gab ein Thanksgiving-Konzert hinter Gittern. Mein bestes in über 60 Jahren auf der Bühne. Und das dankbarste Publikum. Es konnte nicht vor mir weglaufen.«
»Talking ´bout Les Paul, big man?«
»Er brachte mir Lucille?«
»Lucille?«
»Meine Gitarre. Die schwarze Gibson ES335. Alle meine Gitarren heißen Lucille. Die Geschichte findest du in diesem Internet, von dem jetzt alle reden. Ich habe sie oft erzählt.«
Das Lächeln verschwand. Ob es immer so war, wenn er diese Geschichte auch nach so vielen Jahren erzählt. Ich wusste es nicht.
»1949 in Arkansas«, beginnt Riley, »…da spielte ich in einer Blueskneipe. Der Club war klein. Heizung gab es keine. Feuer in einer alten Öltonne beheizte den Raum. Ruß schwärzte die alten Wände. Das war die Zeit, als Männer noch um Frauen kämpften. So auch dort. Zwei von ihnen prügelten sich.«
Riley erzählt die Geschichte schnell, routiniert, fast stenografisch und ich hatte den Eindruck, er wollte sie schnellstmöglich beenden, um sich dann wieder den melasseschwangeren Gedanken zuwenden zu können.
»Das Fass fiel um und die Flammen fanden viel zu schnell reichlich Nahrung. Panik entstand und wir rannten raus. Draußen realisierte ich, dass meine Gitarre noch immer in dem Raum war. So rannte ich wieder in das brennende Lokal und ich fand die Gibson. Später habe ich erfahren… sie hieß Lucille.«
»Wer?«
»Die Frau, um die sich die Männer stritten. Seitdem heißen meine Gitarren immer nur… Lucille.«
Ruhe trat ein und sein Blick schweifte in die leere Distanz jenseits aller Wände und Ballustraden.
»Riley, du hast immer gesagt, du bist kein großer Musiker.«
»Yeah, right!« Er blickt auf die Tüte, die ihm die Erinnerung brachte. »Ich kann nicht singen, ich kann schlecht spielen und von Musik habe ich keine Ahnung. Das was Dizzy Gillespie, Miles Davis oder Charlie Bird Parker so machen… es ist so viel besser. Ich verstehe es noch nicht einmal.«
»Dafür, lieber Riley, spielst du aus dem Bauch. Keiner hat so viel Musik im Bauch…«
»…und keiner hat so viel Bauch wie ich!«
Ein schallendes Lachen hallt von der Galerie des Raumes wieder und verfing sich hundertfach in den Ballustraden. »Ich glaube, ich bin der einzige, dessen Bauchmusik gleich in zwei Halls of Fame zu finden ist… The Blues Hall of Fame und der Rock ‚n‘ Roll Hall of Fame.«
Riley, der nun die braune Papiertüte selbst hielt, ließ seinen Blick wieder aus der Ferne auf das Nahe schweifen. Er schaute in die leere Tüte, schaute wieder auf und lächelt mich an:

The thrill is gone!

Meinem Vorbild Riley „Blues Boy“ King gewidmet (*16.9.1925 bis +14.5.2015) 

Ich hatte das Glück, ihn 2005 life in Albuquerque erleben zu dürfen.