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Korrelation der Sinne

Alles hängt zusammen. Alles.
Sinnhaftes, 2015

Prelude

Eine Eröffnung, aber keine Sinneserfahrung

Sie hatte sich extra ihre neue Corsage angezogen. Er hatte sie darum gebeten. Dazu eine schwarze transparente Bluse. Obwohl ihre Brüste bedeckt waren fühlte sie sich nackt. ‚Wie transparent ist diese Bluse eigentlich?‘, fragte sie sich. Aber für eine Änderung war es nun zu spät. Und zudem wollte er es so.
Kombiniert hatte sie alles mit einem weit fallenden schwarzen Rock und schwarzen Pumps. Sie kam sich vor, wie ein Schatten in der Nacht. Nur ihre hellen Locken umrahmen ihr Gesicht.
Ihre Haut glühte. Sie atmete schwer. ‚Was wird mich erwarten?‘
Nochmals lies sie das kleine Kärtchen mit der verschnörkelten Schrift durch ihre Finger gleiten. Auf der Vorderseite standen der Name des Hotels, eine Zimmernummer, Datum und eine Uhrzeit.
Sie drehte die Karte um. ‚Einladung zur Vermählung der Sinne‘, las sie zum wiederholten Male den dunkelgrün geschriebenen Spruch auf der Rückseite, der über der Anweisung für ihre Kleidung stand. Aber ihre Vorstellung vom Sinn der Worte war sehr vage. ‚Sprach er nicht immer vom Zusammentreffen von Sprache und Bildern? Hat es etwas damit zu tun? Oder ist es alles ganz anders?‘
Wäre die „Einladung“ nicht in grün geschrieben, wäre sie dieser Karte nicht gefolgt. ‚Grün‘; dies bedeutet, dass es die Farbe der Freude und Entspanntheit ist. Wäre es ein blutiges Rot, oder ein tiefes Schwarz, wäre alles irgendwie ordinär. Aber Grün weckte ihre Neugierde?
Sie verkroch sich in ihrem Mantel, den sie wie ein Schutzschild um ihren zitternden Körper zuzog. Der Mantel gab ihr Schutz. Er verdeckte die Blöße, die sie unter der schwarzen Bluse wähnte.
Ob sie sich fallen lassen könnte?
Sie atmete noch ein letztes Mal tief durch, öffnete die angelehnte Türe und trat mit einem zögernden Schritt in das Halbdunkel des Hotelzimmers.

Sehen

Ihre Augen gewöhnten sich nur langsam an das schummerige Licht. Sie versuchte sich zu orientieren. Ein typisches Hotelzimmer dachte sie. Ein Schreibtisch, ein Stuhl, der Sessel, ein Bett. Eben funktional.
Der Sessel war nicht leer. Er saß dort lässig und hatte die Beine lässig übereinander geschlagen. Sie meinte zu erkennen, dass er einen Anzug trug. Aber noch konnte sie nicht viel mehr erkennen.
»Bleib stehen!« Er sprach mit ruhiger, aber bestimmter Stimme. Er schien keinen Widerspruch zu dulden. Für ein, zwei Atemzüge, überlegte sie, ob sie gehorchen oder trotzige Antworten sollten. ‚Wer war er, dass er so mit mir reden durfte?‘ Aber irgendetwas in seiner Stimme ließ sich innehalten. Automatisch blieb sie an der Türe stehen und sie spürte seine Augen musternd über ihren Körper gleiten.
Sie fühlte sich unsicher und ihre Gedanken schwangen hin und her. Auf der Karte stand nichts von Strümpfen. Sollte sie welche anziehen? Aber nun war es zu spät. Auch wenn es nicht auf der Karte stand, hatte sie sich für halterlose schwarze, schmucklose Strümpfe entschieden. ‚Durfte ich meine Beine bedecken?‘
Sie ertappte sich, wie sie sich immer mehr Fragen stellte und sich selbst keine Antworten geben konnte.
»Schließe die Türe!«
Er redete nicht mit ihr, sondern gab nur kurze Anweisungen. ‚Kommunikation ist anders!‘, dachte sie. Und sie hatte sich so auf dieses Zusammentreffen gefreut. Auf Reden, zwangloses Spielen, Fühlen, Berühren, Fühlen, Riechen…
Langsam begriff sie. Ihre Erwartung betraf ihre Sinne. Aber die Situation war so fremd. Ihr missfiel, dass sie die Situation nicht kontrollieren konnte. Sie wusste, die Türe stand offen und sie hätte jederzeit gehen können. Stattdessen machte sie einen weiteren Schritt auf ihn zu. Sie besann sich: ‚Die Türe!‘
Für einen kurzen Moment überkam sie Angst und der Gedanke zu fliehen. Wie gut kenne ich ihn eigentlich?‘
Sie war irritiert und zitterte, welches sie zu unterdrücken suchte.
Dann ging sie zwei Schritte rückwärts, bis dass sie gegen die offene Türe stieß. Ihre Hände tasteten nach hinten. Sie zögerte und schließlich ließ sie sich zurücksinken und schloss mit ihrem Po die Türe. Sie vernahm das Klicken der Türe im Schloss. Es war wie ein Zeichen. Ein Symbol, dass sie sich nun in seien Hände begeben hatte.
die Ruhe im Zimmer dauerte eine scheinbare Ewigkeit.
Dann bat er sie mit einer kurzen Handbewegung zu sich.
»Drehe dich um und schließe Deine Augen!«
Er stand auf. Sie war irritiert, als er ihr einen Seidenschal über die Augen legte und sanft festband. Als wäre es nicht schon dunkel genug, schloss sie zudem ihre Augen. War es schon vorher schummerig im Raum, wurde es nun dunkel.
Vor ihren Augen spulten sich Bilder und filme aus der Vergangenheit ab. Nichts sehen, heißt alles andere deutlicher zu erkennen.
»Was soll das alles?«, fragte sie sich, aber sie erhielt keine Antwort. 

Fühlen

Streifen deiner Haut

Flüchtigkeit der Berührung

Sanftweicher Halt

Verloren und regungslos stand sie im Raum.

Seine Hände lagen auf ihren Schultern und glitten langsam an ihren Armen hinunter. Sie umfasste den Mantel fester, aber mit sanftem Druck umfasste er ihre Ellbogen und zog ihre Arme nach hinten.

Der Mantel klaffte auf. Seine Hände halfen, den Mantel von ihren Schultern zu streifen.

Sie streckte sich, versuchte zu wachsen und in der vermeintlichen Größe Stärke zu zeigen, die sie aber nicht ausstrahlte.

Er bemerkte ihre Unruhe, sagte aber nichts, sondern fasste sanft ihre Oberarme und zog sie an sich. Ihre Schulterblätter lehnten sich an seine Brust. Aber er blieb ruhig und seine Hände glitten hinab zu ihren Händen, die er umfasste und sanft massierte. Die Berührungen waren kaum zu spüren; so sanft wurde sie gehalten. Sie konzentrierte sich auf diese Berührungen. Sie atmete schwer; so tief es die eng geschnürte Corsage zuließ. Seine Hände nahmen ihre und er umfasste ihre Taille, wobei er ihre Hände zusammenführte und ihre Hände ineinander legte.

Seine Hände lösten sich. Eine legte sich auf ihren Nacken und spielte mit ihren Haaren. Manchmal griff er härter zu und sie musste kurz aufstöhnen. Aber sofort worden die Berührungen wieder undeutlicher, bis dass sie sich ganz verloren. Unterschiedlich lang dauerte es, bis dass sie an anderen Stellen ihres Körpers mal die Hände oder die andere Hand spürte; aber nie beide Hände.

Er umkreiste sie wie seine Beute. Er berührte ihren Hals. Dann lag eine Hand auf ihrer Hüfte. Ein zärtlicher Kontakt des Ellbogens. Schließlich musste er vor ihr angekommen sein. Die nächste Berührung kam von vorn. Die gespreizten Finger einer Hand legten sich auf ihr Gesicht. Einzelne Finger lagen auf den Augen, ihre Wangen wurden gestreift und der Daumen übte einen fordernden Druck auf ihre Lippen aus. Sie öffnete die Lippen und sogleich zog sich der Daumen zurück. Die ganze Hand zog sich zurück.

„Klick!“ Eine Schnalle der Corsage wurde geöffnet.

Hören

»Perlentaucher, nimm mich mit auf deine Reise.

Perlentaucher, ganz egal wie tief.

Und wenn wir keine Luft mehr kriegen,

wenn die Wellen uns besiegen weiß ich doch,

wir haben die Perlen uns verdient.«

Leise klang die wohlbekannte Musik durch die Räume. »Perlentaucher, nimm mich mit auf deine Reise«

Riechen

Lasse einfach zu,

dass uns Riechen lenkt.

Im Rausch der Sinne!

„Hana“ ist das Wort für Blume, welche auch Schönheit heißt. Eine Analogie für Blütenkelche, die abwechselnd im Jahreslauf ihre Blütenkelche öffnen und meine Nase mit unendlichen Wohlgerüchen verwöhnen.
Hier schließe ich die Augen, um dich zu riechen, denn wo dein bunter Geruch ist, bist auch du mir nahe.
Die Nase entführt in ein Paradies der Sinne. Blassgelb-ätherischer Jasmin, magentastrahlende Azaleen, Chrysanthemen in unschuldsweiß bis kräftiggelb, der orangegelbe Lotus und wildrote Rosen formen ein Bouquet der Komplexität unserer verwobenen Gefühle.

Schmecken

Das Salz deiner Haut

auf meiner Zunge zerfließt

Nähe der Sinne

Beim Schmecken – wie auch beim Riechen – lässt man bewusst die Nähe zu. Der Geschmack deiner Haut umschmeichelt meine Zunge. Kristallinweißsalzig, rosigduftend, mandelsanft und Gingergelb erkennt meine Zunge deine Haut, wo immer du bist, ohne dich zu sehen.

Schmecken heißt: du bist da !

Perlentaucher