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Dream Catcher

Gefangene Träume

Der Dreamcatcher hat sieben Ringe und genausoviele Geschichten gibt es in diesem Zyklus.

Aber nur zwei möchte ich öffentlich zeigen.

Im ersten Ring:
Die Kerze im Nebel

Der Physiker in mir bezeichnet Nebel als Kondensation des Wassers in gesättigter Luft.
Mit Graecum denkt man eher an Nephele, die Wolke.
Und Chemiker haben überhaupt keine Phantasie. Sie stellen nur H2O in N2, O2 und sonstigen Stoffen im gasförmigen Aggregatzuständen fest und sind noch nicht einmal davon überzeugt. Sie vermissen Stickoxide, Schwefel-wasserstoffe und sonstigen unromantischen Kram. Ohne die Seele zu hinter-fragen, die jeder Materie innewohnt. Ich hasse Chemie.
Aber kein Wissenschaftler ist in der Lage, die sich ausbreitende Stimmung zu beschreiben, wenn man noch vor Morgengrauen einen Weg durch feuchte Wiesen gewählt hat. Wege haben mehr oder minder definierte Ränder, Kreuzungen und Ziele. Fixpunkte des Lebens, die man im Dunst über den Fel-dern aus den Augen verliert. Man sieht die nächsten Meter, die nächsten Schritte. Man mag die nächsten Windungen des Pfades erkennen, bevor er sich mäandergleich im Dunst verliert. Eine Gradlinigkeit würde ihm jeden Reiz nehmen.
Wege verbinden Orte. Vielfältig. Allgegenwärtig. Wege verbinden meine Gedanken. Die Windungen der Landschaft aufgreifend, bewegen sich Pfade unter mir fort, während ich versuche, ihnen Schritt für Schritt zu folgen. Wege wollen erobert werden. Dies ist ihre Bestimmung.
In Gedanken bist du bei mir.
Vor Kreuzungen habe ich manchmal Angst. Hier brauche ich die Hand, die mich führt. Deine Hand, damit sich unsere Wege nicht trennen. Dann fasse ich sie fester, doch sanft und spüre die Wärme deiner zerbrechlichen Finger. Die Hand gibt mir Führung und Sicherheit.
Wir nehmen die Farben wahr, die versuchen von links und rechts durch den Nebel zu strahlen. Zwischen wabbernden Schwaden werden die Farben immer deutlicher und intensiver, obwohl sie zugleich in der allgegenwärtigen Diesigkeit zu verschwimmen drohen. Die Farbe deines Herzens sehe ich aber ganz nahe. Wir sehen die noch vereinzelt fallenden Blätter der Alleebäume, während unsere Füße im Laub rascheln. Dabei ist der Herbst schon längst gegangen und der Winter hat Einzug gehalten.
Ich spüre deinen Atem, wenn du näherkommst. Ich spüre die Gänsehaut deines Unterarms, der mich streifte.
Mein Arm zieht dich sanft näher zu mir. Die Hand gleitet am Bund deiner Jeans entlang und sucht den Weg zu deiner nackten Haut. Ich erschrecke über die Kühnheit, obgleich ich die Entdeckung genieße, wie Christoforo Colombo, als er vermeintlich Indien entdeckte.
Die Feuchte des Nebels spüren wir nicht.
Diesmal, im Nebel ist es anders. Du lässt die Berührung zu; entziehst dich nicht. Wir hören den eigenen Atem. Ich atme schwerer, als du dich näher an mich drückst. Wir gelangen kaum noch voran. Unsere Schritte werden immer kürzer.
Der Nebel unserer Gedanken lichtet sich.
Dann sehe ich kleine Lichter! Nein, es sind deine Augen nachdem du dich mir zugewendet hast. Vor dir stehend ziehen meine Arme dich zu mir. Du ziehst mich, denn du überwindest die Hürde meiner Schüchternheit. Nun sind es deine Hände, die ich auf meiner Haut spüre, an meinem Hosenbund. Deine Augen haben wieder dieses weiche Lächeln, welches ich so sehr an dir liebe.
Deine Haut wärmt meine Hände. Der Nebel ist vergessen, obgleich er uns einhüllt wie ein Mantel.
Die alte Bank unter den Eichen ist feucht, aber wir realisieren es nicht, als wir niedersinken und uns Haut an Haut aneinander reiben. Unsere Kleidung dient nur noch als Lagerstätte, auf der wir es uns bequem machten. Ein Nest unter den Alleebäumen.
Ich schmecke deine salzigen Säfte. Du schmeckst nach mehr. Du machst süchtig. Während ich noch über deinen Geschmack und Geruch nachdenke, verknoten sich unsere Gedanken. Ich höre dein Stöhnen, aber kann deine offenen Augen nicht sehen, als du urplötzlich zu zittern beginnst.
Zugleich merke ich, wie mir meine Gedanken entgleiten. Ich sehe nur noch pralle Farben. Ich kann den Regenbogen im Nebel sehen, spanne mich an, atme schwer und weiß nicht, wie mir geschieht.
Du schaust mich an. Ich sehe dein gönnerhaftes Lächeln, deine melancholischen Augen vor meinem Gesicht.
Wir ziehen uns schweigend an. Dankbar nehme ich wieder deine Hand und wir nehmen den alten Schritt erneut auf. Ich weiß, ganz gleich an welche Kreuzungen wir noch gelangen, mit deiner Hand in meiner nehmen wir den jeweils schönsten Weg gemeinsam.
Lichtet sich mit dir an meiner Seite der Nebel? Weit in der Ferne sehe ich ein Flackern, welches Wärme bedeutet. Eine Kerze im Nebel.
Fragen über Fragen.
Nun kannst du sie mir beantworten. Nun liege ich im Bett und habe Grippe. Das Husten fällt mir schwer, während ich an das nasse Wintergras denke.
Aber du bist bei mir.
Am nächsten Morgen sieht man seine Träume.

Im vierten Ring:
Regentropfen

Pssst! Sei still und leise!

Hörst Du die süßen Tatzen auf den Fliesen?

Sie tippeln zu Dir.

Siehst Du das sanfte Flackern der Kerzenflamme?

Sie leuchtet Dir.

Riechst Du das Erwachen des Frühlings?

Ein wenig Frieden wird kommen.

Schmeckst Du das Aroma des Grappa?

Woran erinnert er Dich? An die tiefen Gespräche mit mir?

An unser gemeinsames Verstehen.

Spürst Du das Anstuppsen der feuchten Fellnase?

Sie wird Dich immer brauchen.

Das Plätschern der Regentropfen ist eine wunderbare Symphonie.