free html5 templates

Der Schal

Eine Geschichte in drei kurzen Bildern

Intro

Wenn es sich einmal ergeben wird, dann werde ich Dich bitten: »lege einen Seidenschal auf den Tisch im Atrium«, bevor ich bei dir erscheine.
Lächelnd werde ich registrieren, dass Du dem Wunsch nachgekommen bist. Dann weiß ich, dass Du bereit bist, an diesem Abend Vertrauen zu fühlen. Ich nehme den Schal an mich und verschließe sanft Deine Augen.
Es wird ruhig sein, wenn Deine Sinne sich neu orientieren. Des Sehens beraubt, beginnen Deine Ohren Geräusche bewusster wahrzunehmen und Du wirst meine Nähe spüren, obwohl ich Dich kaum berühre. Vielleicht hörst Du mein Atmen und vernimmst den sanften Luftzug an Deinem Hals. So nahe bin ich Dir.
Hände legen sich auf Deine Arme und geleiten Dich zu einem Platz, an dem ich vor langer Zeit saß und mich sehr wohl fühlte. Dort lasse ich Dich niedergleiten, wobei ich Dich kurz fester packe, um Dir Halt zu geben.
Während uns die Ruhe langsam umschlingt, lernst Du zu riechen. Die Düfte von Iriswurzeln, Harzen, Mädesüß und Meisterwurz verblassen langsam im Atrium. Dein Atem wird langsamer und tiefer.
Wir sprechen kein Wort. Fingerspitzen berühren sanft Deinen Hals. Sie verweilen einige Sekunden. Dann verlasse ich Dich für wenige Minuten und Du bleibst fragend zurück. Deine Sinne schärfen sich noch weiter.
Einer der Hunde tappst über die Fliesen.
Deine Fingerkuppen gleiten an der rauen Wand hinter Deinem Rücken hinauf. Du versuchst, Dir die Bilder der Wand vor Augen zu führen. Ist gerade hier eine Zypresse zu finden, oder ein gemaltes Haus der Toscana? Fühlst Du das Sonnengelb? Der Kopf gleitet zurück und lehnt sich an. Irgendwo liegen unsere Hunde und ruhen. Nur ich bin nicht da.
Du konzentrierst Dich erneut auf Dein Atmen und hörst die Luft durch die Nase strömen.
Merkst Du die Abendluft auf Deiner Haut?
Das geschärfte Hörvermögen vernimmt meine nackten Füße auf den Fliesen. Du bist nicht mehr alleine. Ein flüchtiges Lächeln huscht über Deine Lippen. Ich bin wieder bei Dir und lasse mich neben Dir nieder.
Neugierde quält Dich. »Wo warst Du?«, fragst Du und weißt, dass Du noch keine Antwort bekommen wirst.
Und die Lösung liegt so nahe …

Vertiefen

Ich sitze Dir mit etwas Abstand gegenüber und schaue Dich an. Das mache ich gerne. Bald kenne ich jede Pore und jedes Fältchen in Deinem Gesicht. Ich sehe den Haaransatz und denke an Deinen Frisör. Manchmal sind es „böse“ Worte, mit denen man kokettiert: „Haaransatz“, „Falten“, „Poren“,… Aber so sind Menschen einfach. So individuell. So schön.

Ich betrachte Deine Hände und wünsche mir, sie würden mich nun berühren.

Deine Augen kann ich leider nicht sehen. Kurz bin ich versucht, Dir den Seidenschal abzunehmen. Ich möchte Deine Augen sehen und durch sie hindurch Deine Gedanken lesen. Ich versuche mich zu erinnern; blicke durch den Schale, durch die Augenlieder. Es ist ein helles Blau. Eher Grau-Blau glaube ich. Am Mittwoch werde ich nachschauen. Nein, ich werde fragen. Ich muss es jetzt wissen.

»Die Gedanken dahinter müssen also blau gefärbt sein, wenn sie hinauswollen«, denke ich. Die Wellenlänge der Gedanken muss also kurz sein. Blaues Licht hat kurze Wellen. Die Wellen in Deinen Haaren sind länger. Folglich können Sie keine Gedanken nach außen transportieren. So geht Logik. Dafür habe ich Physik studiert. Oder ist es der Grund, warum ich das Studium abbrechen musste?

Wie war das doch gleich mit dem Vertrauen?

Dein Rücken versteift sich. Insgeheim fragst Du Dich doch, ob ich unsere Grenzen respektiere. Und dann lehnst Du Dich wieder zurück und entspannst Dich. Du kennst mich. Du – wer sonst – kennst mich.

Dinge, die unkontrollierbar geschehen, machen Dir Angst. Nicht zu sehen, bedeutet nicht zu erkennen, was geschieht. Gebunden zu sein, ängstigt Dich ebenfalls. Dabei ist es vollkommen unerheblich, ob diese Bindung körperlicher, geistiger oder formaler Natur ist. Das macht Dir Angst und du möchtest fliegen.

Sinne schwinden

mir wird bang.

Hier auf Erden

ist meine Zeit nicht mehr lang.

Falke flieg, fliege schnell,

ich seh ein Licht und es leuchtet so hell.

Falke flieg, denn mir wird kalt;

Ich werd Dir folgen schon bald;

Ich werd Dir folgen schon bald;

Ich werd Dir folgen schon bald.

Obwohl Du Dir selbst jederzeit die Augenbinde herunternehmen kannst und die Situation auflösen kannst, hält Dich irgendetwas vor diesem Schritt zurück.

Du denkst intensiv darüber nach: »Habe ich noch die Kontrolle über mein Handeln? Nehme ich den Schal ab und gehe, oder bleibe ich dennoch?«

Warum drängen sich diese Fragen auf, obwohl niemand danach gefragt hat und keiner eine Antwort erwartet?

Du wagst es; konzentrierst Dich wieder auf Dein Atmen. Du kontrollierst den Rhythmus.

Ein tiefes Ausatmen.

Innehalten.

Gedanken sammeln. Ein kurzes, aber tiefes Einatmen. Geht noch mehr? Sind die Lungen gefüllt? Geht die Atmung tief genug?

Innehalten.

Und der Zyklus beginnt erneut.

‚Tipp. Tipp. Tipp.‘

Du vernimmst Geräusche, die Dir so zwar bewusst waren, aber selten wirklich im Fokus standen, weil sie immer mit etwas verbunden waren, was man zugleich sehen konnte. Und da waren sie wieder: ‚Tipp. Tipp. Tipp‘

»Das ist vertraut«, denkst Du. Und Du stellst Dir vor, wie Niggels Krallen beim Tippeln über den Fliesen wie kleine Hämmerchen auf den harten Boden treffen.

Das Tippeln wird lauter. Niggels kommt näher. Dann verstummt das Tippeln.

Nun riechst Du den unverwechselbaren Geruch des Waldes im Fell. Du hörst das Schnüffeln, wenn sie Düfte aufnimmt und tief durch die Nase zieht. Dann das kurze, stoßartige Schnaufen beim Ausatmen, wenn die Fellnase frei für neue Gerüche werden soll. Und wieder ein Schnuppern in kurzen Stößen.

Ein kaum merklicher Lufthauch lässt die Haare auf Deinen Unterarmen vibrieren. Fast schon wollen sie sich aufrichten.

Das nun sehr bewusst gewordene ‚Tipp. Tipp. Tipp.‘ entfernt sich wieder.

Niggels ist beruhigt und trottet zurück zu ihrem Körbchen, auch wenn sie nicht verstehen kann, warum Du nun so ruhig an der Wand sitzt.

Sie legt sich nieder; die Schnauze auf den Rand des Körbchens drapiert und weiß:

»Alles wird gut.«

Erlösen

Kleinere Geräusche lassen sich nicht vermeiden. Ein leises Klappern, ein Schnappen von Schlössern und leise quietschen Scharniere. Verwirrende Geräusche. Zu welchen Gegenständen können diese passen. Eine Kiste vielleicht? Und es geht weiter mit kaum definierbaren Geräuschen. Du merkst, dass ich irgendetwas vorbereite. Verschiedene Gerätschaften und Utensilien kommen Dir in den Sinn.

Hoffentlich keine Kamera. »Mache es jetzt nicht kaputt!«, kommt Dir in den Sinn. »Es ist so schon schwer genug, nichts zu sehen. Und dann fotografiert zu werden geht gar nicht.«

Aber ein Ausnutzen der Situation gibt es nicht; zumindest nicht so. Und dann hörst Du eine Gitarre…

It‘s late in the evening.

She’s wondering, what clothes to wear.

She puts on her make up

and brushes her long blonde hair.

And then she asks me: »do I look alright?«

And I say »Yes. You are wonderful tonight.«

Zwei Jahre