Riley B.

Es gibt Dinge, die kann man für Geld nicht kaufen. Natürlich gehören Gesundheit und Liebe dazu; aber auch Erinnerungen und Gran’ma’s Sugar Cane Molasses Sweets. Damals, vor gut einem Jahrhundert, wurden sie nach der Zuckerrohr-Ernte aus den Überresten in Itta Bena, Mississippi, für die Kinder der Feldarbeiter in alten verklebten Töpfen gekocht. Weihnachten fand dann schon einmal vorab im späten Sommer statt.
Die klebrigen Melassebonbons schmecken wie der Schweizer Kräuterzucker aus der Werbung. Nur ohne Kräuter und weniger nach Schweiz. Aber wer hat’s erfunden? Gran’ma!
Einzig die funkelnden Augen des alten Mannes trotzen dem Verfall seines von Diabetes gekennzeichneten aufgeschwemmten Körpers. Sie strahlten, als wir uns auf den Stufen zur Galerie des B.B.‘s Club in der Beale Street, Memphis, Tennessee, mühsam niederließen. Die Krankheit hat den massigen Körper fast bewegungsunfähig gemacht und dennoch hüpfte er bei jedem Ton der fernen Musik auf und ab. Der alte Mann musste darum kämpfen, sich auf den Stufen niederlassen zu können. Mein Kampf hingegen bestand anschließend darin, neben ihm auf der schmalen Treppe noch Platz für mich zu finden.
Nach einigen tiefen Schnaufen hielt ich ihm eine hellbraune Papiertüte hin. Schweißperlen drängten sich neugierig durch die Poren seiner Haut, während seine Hand zögerlich, – in neugieriger Erwartung des ihm so vertraut-unbekannten – in die Tüte griff. Ungewohnt gelenkig demonstrieren sie trotz der Gicht ein gewandtes Fingerspiel; gekrönt von dem Erfolg, am Ende einen länglich gerollten bernsteinbraunen Klumpen aus der Tüte zu ziehen.
Ein Lächeln deutet an, dass der alte Mann mit dem Gewinn seiner Bemühungen mehr als zufrieden war. Eine kindliche Zufriedenheit. Eine kristallisierte Erinnerung an die gut achtzig Jahre zurückliegende Jugend, die viel zu kurz gewesen ist; für ihn, wie für alle seiner Zeit in Tennessee.
Dann öffnet er seine fleischigen Lippen, entblößt eine Reihe noch immer weißer Zähne und ließ das Bonbon genüsslich mit einem Schmatzen verschwinden. Ein Zaubertrick, den er seit der Kindheit nicht mehr aufführen durfte.
Während sich der lange nicht mehr erlebte Geschmack der Jugend über seiner Zunge ausbreitete, schweiften meine Augen über den Raum. ‚Schäbig‘, denke ich. ‚Blaue Stahlrohrstühle an viel zu kleinen, runden Metalltischen in verrauchter Atmosphäre‘. Der kalte Rauch in diesem Raum lässt sich auch nun, Jahre seit Einführung des Rauchverbots, nicht mehr verdrängen. Dieser Geruch gehört einfach dazu. Er hat hier einen unbefristeten Mietvertrag, ohne Miete zahlen zu müssen. Des Abends bekommt er Besuch vom Geruch des frisch gezapften Biers, von Whiskey, vom Schweiß und teurem Eau de Parfum der Besucher im Blaumann oder weißem Kragen. Diese Melange, die Blues zu dem machte, was er ist.
Früher hatte man sich so und nicht anders einen Blues Club vorgestellt. Alte Männer spielen sich den Schmerz des Lebens von der Seele. Früher. Aber die Zeit ist in niemals enden wollender Bewegung. Nur nicht hier. Nicht hier in Memphis, Tennessee. Hier in der Beale Street hatten die Uhren schon immer einen ganz eigenen Vier-Viertel-Rhythmus, sofern es überhaupt Uhren gab.
Ich habe Riley Zeit gegeben.
Während er sein Bonbon lutschte und die Vergangenheit über die Geschmacksnerven wieder in sich aufnahm, habe ich geschwiegen. Nur die Bewegungen seiner Kiefer durchbrachen die Stille. Ich hörte, wie seine Zunge begann, mit dem Bonbon zu spielen; es hin und her schob, wie er den melassesüßen Saft schluckte, bis dass letztendlich die Vergangenheit drohte, mit dem letzten Rest des Bonbons zu versinken.
»One more candy, Riley?«
»…Noch ein Bonbon? So wie damals in Kilmichael hinter der Kirche nach der Sunday School?«
Da war wieder sein verschmitztes Lächeln. Seine Wangen rundeten sich vor Erwartung, als seine Gesichtsmuskeln ihm andeuteten: Jetzt lache ich.
»Ey man, do ya know, now I love ´em.«
»Now? And then? ... Nun? Und damals?«
»It’s all different now, buddy ... Nun ist alles anders. Alles«
Damals war es noch wesentlich schwieriger – da nicht opportun – sich mit Riley zu unterhalten. Riley war schwarz. Und für einen weißen Jungen, wie mir, gehörte es sich nicht, sich mit einem Schwarzen zu unterhalten.
Nun war dies – geringfügig – anders. Wir saßen in seinem Club, auf seiner Treppe und warten heute, wie jeden Tag auf das Publikum des Abends: Sein Publikum. Hier war er der König. Aber eben „nur“ ein schwarzer König. Ein Exot in den Augen der Weißen. Der Spieler, der Clown, der Unterhalter der Massen.
»B.B., ich habe nie verstanden, warum du so viele Gitarristen beeinflusst hast: Hendrix, Clapton, Gilmore, diMeola, und, und, und …«
‚… und mich‘, fügte ich leise in Gedanken hinzu.
Das Melassebonbon krachte zwischen seinen Zähnen, als er zubiss.
»Ey man, …«, begann er: »Ich habe es ja auch nie verstanden. T Bone Walker, Les Paul oder Django Reinhardt, Alexis Korner, Steve Winwood, … sie alle waren oder sind so viel besser als ich. Oder insbesondere Robert Lockwood, von dem ich später noch viel lernte.
Wer beeinflusste wen?«
Das Bonbon kullerte durch seinen Mund, als er lachte und weiße Zähne mit dunklem Sirup entblößte.
»Aber Jimi Hendrix, oder Eric Clapton berufen sich auf dich als musikalischer Vater.«
»Vater bin ich auch.« Er grinste.
»I really do have 15 kids… Ich habe 15 Kinder. Aber nicht von der gleichen Frau.« Nun lachte er. »One woman, one kid, you know what’a mean.«
Ja. Ich wusste, was er meint. Ich schaute gedankenverloren in die braune Papiertüte hinab, welche ich mit beiden Händen fest umklammert hielt. Tief unten lagen die süßen Träume, aus Melasse gerollt. Fest kristallisiert und zuckersüß, aber alles andere als so steril, wie arisch weißer deutscher Raffinaden-zucker. Lauter kleine, weiße Kristalle. Alle gleich, alle unbe-deutend klein. Wie großartig hingegen sind hingegen diese Melassestücke. Jedes einzigartig.
»Tja Riley. So wirklich singen kannst du auch nicht.«
»Ich weiß. Blind Lemon war besser. Lonnie Johnson ebenso. Aber du hättest sie hören sollen, wenn ich bei ihnen war. Als der kleine B.B. für den Nachwuchs sorgte.«
»Talking‚ ´bout singing, Riley … ich meine das Singen.«
»Me too« Er lacht.
»1972 warst du im Knast, alter Mann.«
Riley verschluckte sich fast am Karamell. »Yes, I did Sing Sing…«
»You did?«
»I did … „Ja, war ich. In Sing Sing. Es gab ein Thanksgiving-Konzert hinter Gittern. Mein bestes in über 60 Jahren auf der Bühne. Und das dankbarste Publikum. Es konnte nicht vor mir weglaufen.«
»Talking ´bout Les Paul, big man?«
»Er brachte mir Lucille?«
»Lucille?«
»Meine Gitarre. Die schwarze Gibson ES335. Alle meine Gitarren heißen Lucille. Die Geschichte findest du in diesem Internet, von dem jetzt alle reden. Ich habe sie oft erzählt.«
Das Lächeln verschwand. Ob es immer so war, wenn er diese Geschichte auch nach so vielen Jahren erzählt. Ich wusste es nicht.
»1949 in Arkansas«, beginnt Riley, »… da spielte ich in einer Blueskneipe. Der Club war klein. Heizung gab es keine. Feuer in einer alten Öltonne beheizte den Raum. Ruß schwärzte die alten Wände. Das war die Zeit, als Männer noch um Frauen kämpf¬ten. So auch dort. Zwei von ihnen prügelten sich.«
Riley erzählt die Geschichte schnell, routiniert, fast steno-grafisch und ich hatte den Eindruck, er wollte sie schnellst-möglich beenden, um sich dann wieder den melasse¬schwan-geren Gedanken zuwenden zu können.
»Das Fass fiel um und die Flammen fanden viel zu schnell reichlich Nahrung. Panik entstand und wir rannten raus. Draußen realisierte ich, dass meine Gitarre noch immer in dem Raum war. So rannte ich wieder in das brennende Lokal und ich fand die Gibson. Später habe ich erfahren … sie hieß Lucille.«
»Wer?«
»Die Frau, um die sich die Männer stritten. Seitdem heißen meine Gitarren immer nur … Lucille.«
Ruhe trat ein und sein Blick schweifte in die leere Distanz jenseits aller Wände und Ballustraden.
»Riley, du hast immer gesagt, du bist kein großer Musiker.«
»Yeah, right!« Er blickt auf die Tüte, die ihm die Erinnerung brachte. »Ich kann nicht singen, ich kann schlecht spielen und von Musik habe ich keine Ahnung. Das was Dizzy Gillespie, Miles Davis oder Charlie Bird Parker so machen… es ist so viel besser. Ich verstehe es noch nicht einmal.«
»Dafür, lieber Riley, spielst du aus dem Bauch. Keiner hat so viel Musik im Bauch …«
»… und keiner hat so viel Bauch wie ich!«
Ein schallendes Lachen hallt von der Galerie des Raumes wieder und verfing sich hundertfach in den Ballustraden. »Ich glaube, ich bin der einzige, dessen Bauchmusik gleich in zwei Halls of Fame zu finden ist… The Blues Hall of Fame und der Rock ‚n‘ Roll Hall of Fame.«
Riley, der nun die braune Papiertüte selbst hielt, ließ seinen Blick wieder aus der Ferne auf das Nahe schweifen. Er schaute in die leere Tüte, schaute wieder auf und lächelt mich an:

»The Thrill Is Gone.«

Meinem Vorbild Riley „Blues Boy“ King gewidmet.
(*16.9.1925 bis +14.5.2015) 

RavenFox

Don't ride the crazy train.
I'm driving it.

c: 2021 by Bernd Pesch