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Geschichten aus der Einsamkeit des Kopfes

Geschichten ohne Leser

Melancholie

...ist das, was bleibt, wenn die Schmetterlinge nicht mehr wissen, ob sie noch Purzelbäume schlagen dürfen, oder zurück in den Kokon kriechen müssen.

Melancholie ist einfach da.

Manchmal kommt sie ans Tageslicht ohne gerufen worden zu werden. Dies sind die düsteren Filme im Kino deines Kopfes, die auch eine Berechtigung auf dem Spielplan haben. Niemand kann einem vorhersagen, in welchen Film man gehen wird. Man betritt das Kino in der Dunkelheit und unversehens hebt sich der Vorhang zum Film des Abends. Man ist vor der großen Leinwand gefangen.

Möchte man nun noch das Kino verlassen? Man kann es nicht. Die Türen sind geschlossen. Man ist mitten drin und dennoch nur vor der Leinwand.

Filme können spannend sein; mitreißend, humorvoll, prickelnd und eben ... melancholisch. Ob das vielbeschworene Happy End am Ende der Melancholie kommen mag, entzieht sich der Kenntnis des Besuchers.

Aber dennoch geht man auch in diesen Film. Und dennoch mag gerade dieser Film mein Lieblingsfilm sein, denn die Windungen der Handlung – die dennoch geradlinig sind – fesseln mich.

Und ich lerne, mich im Kinosessel zurückzulehnen, die Melancholie zu verstehen und einfach der Handlung zu folgen und zu warten.

If they don’t play blues in heaven, I will not go.

Apnoe!

Die tausend Düfte des Serail

Dariya-i-Noor, der Diamant des Südens

2015

Es war ruhig im sonst so lebhaften maurischen Serail, dem Palast am Rande der Oase. Die hellen Mauern spiegelten die Strahlen der warmen Sonne des Abends wieder.

Das sanfte Plätschern der verschiedenen Wasserspiele und Brunnen im Hof des Harems vermischte sich mit dem Rauschen des Windes in den Palmwedeln Der Harem war nicht, wie man vermutete, der Ort der Zügellosigkeit und Aufenthaltsort der Gespielinnen. Er war der Rückzugsort, der höchstprivate Teil des Palastes.

Mit nackten Füßen wandelte Darya-i-Noor, der See aus Licht, über die warmen Steine im Innenhof des Palastes. „Darya-i-Noor“ war ihr Kosename, weil man sie mit dem schönsten Diamanten verglich, den man je gefunden hatte. Sanft fielen die dunkelgrünen Tücher um ihre Hüften und verhüllten ihren wunderschönen Körper nur ansatzweise. Sie brauchte keinen goldenen Schmuck, oder Edelsteine, um schön zu sein. Sie strahlte selbst, wenn es ihr gut geht. Edelsteine konnten nicht mit ihrer Schönheit konkurrieren. Aber es ging Daryia nicht gut. Viele Gedanken trübten ihre Stimmung. Ihre Schritte waren schwer.

Die Säulen des Wandelganges warfen langen Schatten über den Boden und auf die mit kunstvoller Kalligraphie gestalteten Wände. Üblicherweise war es Daryias Spiel, den Schatten auszuweichen und die Schritte nur auf die Sonnenflecke zu setzen. Aber auch an diesem Abend schenkte sie dem Schattenspiel keine Aufmerksamkeit.

Im Harem herrschte eine seltsame Ruhe. Irgendwo im großen Reich gab es Krieg und die meisten Männer waren ausgezogen, ihr Handwerk zu verrichten. Der Harem war fast menschenleer.

Daryia-i-Noor blieb alleine mit ihren Gedanken und Sorgen. Sie konnte stundenlang alleine auf der Bank unter Palmen, Orangenbäumen und Strelitzien verbringen, ohne je einen Menschen zu sehen. Trotz der Gedanken genoss sie diese Zeiten der Ruhe und Besinnung. Dann hatte sie das Gefühl, dass ihre Gedanken eine Brücke mit einem fernen Menschen aufbauten, den sie nur zu selten auf ihrer Bank sitzen hatte.

Ein kleiner weiß-schwarzer Hund teilte mit ihr den Palast. Er spiegelte ihre Seele wieder. Siehst du, wie der Hund sich benimmt, weißt du, wie es Daryia-i-Noor geht.

In einer schweren, bronzenen Schale glühte die Kohle. Langsam bildete sich weißer Flaum auf den Kohlestückchen, die hier und dort dunkelrot glimmten. Sie spitze ihre Lippen, blies die Kohle an und belebte so gelegentlich die Glut.

Die Frau öffnete die alte bemalte Holzkiste. Die Scharniere knirschten leise vernehmbar. Sie griff nach einer kleinen, verzierten Silberzange und einem Löffel aus dem gleichen Material. Ziselierte Pfauen schmückten die Werkzeuge.

Verschiedene Harze, Hölzer, Blüten und Gewürze sollten an diesem Tage die Sonne verabschieden und die Sterne begrüßen und den Einklang des Geistes mit der Natur herstellen.

Dariya-i-Noor entnahm dem hölzernen Kasten verschiedene kleinere Behältnisse aus gebranntem Ton, Holz oder Glas. Ein jedes war anders. Ein jedes war auf seine Art und Weise schön. Sie entnahm mit der Zange Styraxharz, Myrrhe und Weihrauch. Sie gab die kleinen Brocken in einen schweren steinernen Mörser.

„Rosenblüten wären nicht schlecht“, dachte sie, stand auf und schlenderte zu den blühenden Sträuchern am anderen Ende des Innenhofes. Die kleinen Rosen rochen allein schon betörend. Sie sammelte eine handvoll frischer Blätter, welche die Rosen freiwillig hergaben.

Aus ihrem Kästlein entnahm sie sie geriebene Hölzer: eine Kalmuswurzel, ein Stückchen Galgantwurzel und Sandelholz. Die Hölzer würden Tiefe und Erdverbundenheit ergeben.

Von Zeit zu Zeit zog eine Karawane mit edlen Gewürzen aus fernen Ländern vorbei und legte Rast an der Karawanserei in der Oase ein. Dann ging Daryia rüber und ließ sich von den unbekannten Gerüchen und Geschmäckern einfangen. Edle Gewürze, wie Wacholderbeeren, Kardamon und Koriander sollten dem Rauch Würze geben und sich mit der Süße des Harze, den Hölzern und Blüten zu einer schweren Komposition mischen, die Ruhe und Erdverbundenheit erzeugen sollte.

Dann entschied sich Daryia dafür, die Düfte nicht zu schwer werden zu lassen. Ein wenig fein geschnittenes Lemonengras sorgt für die Leichtigkeit des Rauches.

Von einer Kräuterfrau aus dem Süden hatte sie ein spezielles Geheimnis vermittelt bekommen: Datteln als Beiwerk beim Räuchern. In Honig sanft gekocht ergab sie ein Paste, die man zu kleinen Kugeln formen konnte und das Räucherwerk abschließend mit einer schweren süßen Note ergänzen konnte.

Zuletzt entnahm sie noch einige Bröckchen Tränen von Chios, hielt diese auf ihrer offenen Hand und verrieb gedankenverloren das Harz, welches nur auf dieser Insel im Mittelmeer gewonnen wurde. Daryia-i-Noor schaute auf und blickte leere Blicke in Richtung der tiefstehenden Sonne. Unvermittelt rannen Tränen über ihre wunderschönen Wangenknochen und vermischten sich mit den Tränen von Chios.

Sorgsam wie immer, zerkleinerte sie die Zutaten im Mörser. Und schon wenig später stiegen die ersten Wölkchen des Rauchs mit all seinen Facetten auf.

Mittlerweile war die Sonnenscheibe verschwunden und die Sterne hatten still und heimlich ihre Positionen am Firmament eingenommen. Jeder Stern stand für einen ihrer Träume. Es waren zu viele, um sie zu zählen. Daryia-i-Noor hatte den Eindruck, dass es von Nacht zu Nacht weniger Sterne wurden. Es gab viele kleine Lichter und einige wenige, die viel heller erstrahlten als alle anderen.

Es gab aber nicht nur Sterne am Himmel. Hoch oben am Himmel zog ein einsamer schwarzer Vogel seine Kreise. Ihm war nicht entgangen, dass Daryia-i-Noor alleine vor ihrem Räucherwerk saß. Der Rauch ihres Feuers bildete eine Brücke zwischen ihren Gedanken und dem Wächter der Sterne.

Während ihre Gedanken aufstiegen, kamen andere Gedanken zurück: Gedanken der Ruhe, der Geborgenheit, Gedanken an Freude am Leben.

In dieser Nacht konnte sie endlich wieder ruhig schlafen, denn der Rabe wachte über ihre Träume.