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Zweisamkeit

Jedes Jahr nur eine Geschichte

Der geliebte Hals

Zärtlich fahren meine Fingernägel an deinem Hals entlang. So leicht, dass noch nicht einmal eine Andeutung einer Spur bleibt. So sanft, dass man kaum körperlich die Berührungen fühlt. Aber sie berühren den Geist. Deine Gänsehaut unter dem Haaransatz zeigt mir, dass es dir nicht gleichgültig ist, was ich in diesem Augenblick mache. Deine Sinne scheinen jeder einzelnen Fingerkuppe zu folgen.
Ich sitze hinter dir, wir berühren uns kaum. Lediglich der Kontakt über diese wenigen Quadratmillimeter Hals verbindet uns körperlich. Aber im Geiste verbindet uns mehr.
Beim nächsten Mal werde ich zärtlich deinen Hals beißen.
Dann wird mein Mund an dieser Stelle verweilen, um den süßen Schmerz mit Küssen zu lindern.

Eine kurze Geburtstagsgeschichte des Glücks

Neu einmal im Jahr

Früher, so erinnerte sie sich, sprangen die Steine auf der Wasseroberfläche mindestens fünf Sprünge weit. Nun wurden sie direkt von den Wellen verschluckt.

Fast jeden Tag ging sie zu den Klippen und schaute mit einer Mischung aus Melancholie und Sehnsucht auf die bewegte See hinaus. Wieder würde es nichts mit den Sprüngen werden. Noch nicht einmal kleine Hüpfer konnte sie erwarten. Dennoch warf sie wider besseren Wissens immer wieder flache Steine auf das Meer hinaus. Sie wusste, dass die Steine versinken würden. Aber sie konnte nicht anders.

Sie musste zwanghaft den Kieseln nachschauen und konnte noch nicht einmal weinen.

Eines Abends erschien ihr die Sonne in ihrem Tageslauf röter als üblich. Der Wind legte sich; die Wellen flachten ab.

Ein roter Widerschein legte sich über die ansonsten türkisschimmernde Bucht.

Sie ging zunächst zögerlich, aber dann beherzt an die Klippen und lies die verbliebenen Steine nacheinander in die See plumpsen. Das Wasser war tief und sie konnte ihren Steinen einige Armlängen hinterherschauen. Früher verschwanden die Steine bereits an der Wasseroberfläche.

»Da unter wird es friedlich sein«, dachte sie. Ihre Schuhe streifte sie ab, als wären sie tonnenschwerer Ballast. Nur ein kleiner Schritt nach vorne. Ihre Zehen spürten bereits den abfallenden Untergrund. Dann sprang sie beherzt ihren verlorenen Steinen hinterher. Es hatte erstaunlich wenig Mut gebraucht, diesen Schritt über die Klippen zu wagen. Ihr Lohn war ein sanftes Umfangen von sonnenwarmen Fluten.

Nochmals tauchte sie auf.

Einmal tief Luft holen.

Konzentrieren und erneut Abtauchen.

Apnoe!

Begleitet von einem unsichtbaren Schatten, den Steinen folgend, fühlte sie sich plötzlich frei. Im Wasser schwebte sie zwischen den farbigsten Fischen, die sie jemals sah; die sie sich nie erträumen konnte.

Frei sein! Tauchen! Schweben! Die Ruhe genießen…

Und es war gut so.

Zieh mich tief zu Dir ins Wasser…

Du vögelst meinen Geist

Wenn man schreibt, notiert man Buchstaben und Worte. Hieraus bilden sich dann Sätze, Abschnitte und letztendlich mit Glück eine Geschichte. Wenn man liest, liest man die Zeilen und mit ein bisschen Sensibilität den Zwischenraum dazu. Dann offenbaren sich die Worte, die man nie auszusprechen wagte oder schreiben würde. Dann lernt man den Menschen kennen, der insgeheim schreibt, was er nicht schreibt kann; der so gerne sagen möchte, was er nicht sagen kann.

Dann versteht man, vorausgesetzt man möchte verstehen und verschließt sich nicht den ungeschriebenen Worten.

Man erkennt den Menschen, der lachen möchte, wenn er weint. Letztendlich sieht man jenen Menschen, der so gerne das Wagnis eingehen würde, zu weinen, wenn man ihn Lachen sieht, aber der nie den Mut dazu hatte.

Während andere ihre Körper auf der Suche nach der ultimativen und nur episodisch seeligmachenden Lustempfindung nach Kamasutra, Position siebenunddreißig bis achtundfünfzig swingen lassen, fickst du meinen Geist.

Während andere ihre Körperflüssigkeiten in fremden Mösen ergießen, flutest du mein Kleinhirn.

Du verschaffst mir lyrische Orgasmen; lässt meinen Bauch Tango tanzen.

Nun möchte ich dich ficken.

Ghost Underneath My Roof

Nachdem sie ging, blieb sie.

Der herbsüße, schwerleichte Geruch ihres Parfums brannte sich in meine Erinnerung, wie ich zugleich die Leere des Studios wahrnehme, indem wir eben noch gemeinsam unter voller Konzentration unser Fotoshooting beendeten.

Nun ist das Studio leer. Nein, eben nicht wirklich leer. Es ist noch immer von ihr erfüllt. Sie hat sich mir selbst hinterlassen.

Es hat angefangen zu regnen und die schwülheiße Luft des Tages beginnt langsam abzukühlen. Es wird wohlig. Ich wische noch ein letztes Mal an diesem Abend den Schweiß von meiner Stirn und merke wie ich auch langsam zur Ruhe komme.

Ich lehne mich zurück und suche Halt an dem Stuhl, auf dem sie eben noch ihre Hand unter dem Rock für das eine Foto verbarg, während ihre Finger sie selbst liebkosten. Blind, mit verbundenen Augen meinen Anweisungen lauschend. Nun verkrampfen sich meine Finger um eben jenen Stuhl. Es brennt in mir zu wissen, woran sie dachte.

Es gibt Geheimnisse, die Männer nie hinterfragen sollten.

Ich realisiere wieder, dass so ein Shooting immer einem Seelenstriptease gleichkommt. Der Fotograf ist Psychiater und Seelsorger. Er versucht, mit seinen Gedanken die nackte, zartrosa Haut zu durchdringen und den Menschen dahinter zu sehen. Und ebenso fand ich sie. Das zumindest bilde ich mir nun ein, nachdem ... nun, nachdem sie nicht mehr hier ist.

Manch einer öffnet sich wissentlich und redet. Manch anderer tut Gleiches unbewusst und offenbart doch mehr ohne Worte zu verlieren.

Und unvorhergesehen bin ich es, der sich öffnet. Die Rollen kehren sich um. Eine starke, begehrenswerte Frau vor der Kamera, meinen Anweisungen folgend, aber insgeheim doch Herrin der Situation.

Meine Selbstsicherheit?

Wo bleibt nun meine Selbstsicherheit, die ich eben noch demonstrierte und in der ich mich ergoss.

Ich öffne die Augen und spüre noch immer ihre Haut unter meinen flüchtigen Berührungen, die ungeplant absichtlich waren.

Sie ist da!