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Und wenn man dennoch lacht?

Eine Sammlung verschiedener humoristischer Geschichten

Eine unzusammenhängende Sammlung von Geschichten zum Schmunzeln.

ok. Manche dürfen auch lachen. Manchmal.

Blind Date

Aus seiner Sicht
Auf dieses Date habe ich mich lange und generalstabsmäßig vorbereitet. Ich erwarte SIE.
Aber was soll sie eigentlich hier? Der Boden ist bereits geputzt, das Geschirr auch schon weg¬geräumt und selbst der Ausguss des Waschbeckens glänzt von der Edel¬stahl¬pflege. Und die Mehrwegzahnstocher habe ich auch schon in die Packung zurückgedrückt.
16:00
Der Countdown läuft. Nur noch vier Stunden.
Ich habe meinen alten Plattenspieler vom Speicher geholt, denn Vinyl hat einfach mehr Flair, CD kann doch jeder, MP3 ist etwas für Technikfreaks und Napster für die Hipster. Dazu zähle ich mich nicht. Distanz zum Main Stream muss sein. Und gibt es etwas Schöneres, als wenn der alte Plattenspieler Debussys Prélude à l’après midi d’un faune aus der Rille kratzt? Ach der alte Faun. Eigentlich ist mir die Platte zu schade für ein Date. Der Radetzki¬marsch geht sicher auch. Die Platte habe ich von meinem Opa mit K&K-Vergangenheit geerbt. Sie liegt sowieso gerade obenauf.
16:30
Mir fällt gerade ein, dass der Wein fehlt. Wein! Wein? Welcher Wein? Worum eigentlich Wein? Sollte es nicht besser Champagner oder Prosec- oder wie man das schreibt - sein? Prosec... Prosac. Wo ist der Wein? Nun, dann muss ich doch in den Keller runter. Zwei Etagen oder vierunddreißig endlose Stufen. Und das alles wegen einer Flasche Aldis Südhang oder Lidls Krötenarsch für 1,99. Ach egal. Keller und Wein müssen nun wirklich nicht sein. Wein kann man auch selbst machen. Hellbraune Flasche Balsamico, etwas Zucker, mit Wasser aufgießen, kräftig umrühren: Wein! Oder etwa nicht? Ich bin unsicher.
Die Krombacher Elf tut es auch. Schnell noch eine Flasche öffnen und eine Viagra auflösen. Potenz ist schon geil. Da war es nur noch die Krombacher zehn. Sozusagen Rote Karte und ein früher Platzverweis für die erste Flasche.
Diese prickelnde Erotik eines ploppenden Kronenkorkens begleitet durch ein nicht gerade subtiles Uff-Ta-Ta des Radetzkimarschs.
16:45
Bügelt man eigentlich Feinripp?
Stellung „*“ wie Seide?
Aber wie war das noch gleich mit den vierunddreißig Treppenstufen in den Keller?
Es geht auch sicher so. Wenn da nicht diese Ketchupflecken wären. Aber auch dafür gibt es eine Lösung: Pinsel raus und ein wenig weiße Latexfarbe drüber. Sieht aus wie neu.
17:00
Nur noch drei Stunden. Das Bad herrichten. Ich habe sogar neue Handtücher unten im Schrank gefunden. Hinterlassenschaften meiner Ex-Frau. Ihr Name ist noch in großen geschwungenen Lettern eingestickt. Schlecht. Wenn also Latexfarbe gegen Ketchup hilft, dann sicher auch gegen das „H“ von Helene.

17:15
Aus! Aus! Das Spiel ist aus! Shit. Der FC hat wieder verloren. Ein böses Omen. Aber war sie nicht sowieso aus Düsseldorf?
Wieso befinden sich nur noch neun Flaschen im Kasten? Gab es zwei Platzverweise?
18:00
Ich schwitze. Sollte ich noch schnell ein Bad nehmen? Eher nicht. Dann müsste ich die Handtücher meiner Ex benutzen und ich weiß nicht, ob die Latexfarbe schon trocken ist. Bin ich nicht sensibel? Lieber ein wenig mehr Deo. Oh. Das Axe ist leer. Und nun? Lysterene geht nicht. Mundwasser brennt unter den Achseln. Aber da muss ich ja nicht durch. Eher sie. Es ist ein Blind Date und dies bedeutet „nicht sehen“, aber nicht „nicht riechen“.
Blind Smell Date.
Ich öffne das Mundwasser und verreibe dann doch die hellblaue Flüssigkeit großzügig unter den Achseln. Einige Tropfen färben Schissers Feinripp in einem leichten bleu. Soll ich nochmals mit der Latexfarbe ein wenig korrigieren?
Wobei wir gerade beim Öffnen der Flaschen sind: Da waren es nur noch acht.
18:30
Schweißperlen auf der Stirn. Das Schlafzimmer. Wie konnte ich es vergessen? Handschellen zurechtlegen. Aber wo sind die Schlüssel? Ich habe keine Zeit zum Suchen. Und die Seile, die Knebel, die Augenbi..... Moment, Augenbinde. Also irgendwas muss her: Eine Rolle Alupapier aus der Küchen¬schublade? Oder schnell zwei Etiketten von den Bierflaschen ablösen.
Bierflaschenetiketten verkleben die Augen nicht und sind mit warmen Wasser leicht wieder ablösbar. Und falls man kein warmes Wasser hat, kann man... oh Nein! ... dann kann Frau ja den Rest aus der Bierflasche zum Ablösen nehmen.
Aber nur den Rest!
Und ganz nebenbei... so eine Frau mit Flaschenetikett hat doch ihren Reiz. So beklebt wird sie gleich doppelt interessant. Animalische Reize treffen auf das Pavlow'sche Reiz-Reaktions-Schema. Ich würde die Frau glatt in die Küche schicken: „Ey, bring noch mal zwei Pils!"
Ich bin von meinem feinsinnigen Humor begeistert. Ich sollte Geschichten schreiben.
Dazu lege ich Federn und Pinsel zurecht. Für die sanften Momente im Leben. Verdammt! Die Pinsel sind hart von der eingetrockneten Farbe. Dann lege ich eben ein paar Edding Permanentmarker zurecht. Die sind auch schön weich.
19:00
Schummriges Licht wäre nicht schlecht. Also Birnen rausdrehen. Energie-sparlampen, 7 Watt aus dem Baumarkt rein, ein Küchentuch drüber. Perfekt. Schummrig genug. Nur geht mir der Duft der Tiefkühl-Lasagne nicht mehr aus dem Sinn. Wo lag das Tuch doch gleich? Vielleicht sollte ich doch besser ein anderes Tuch nehmen. Später. Wenn noch Zeit sein sollte. Ein paar Tropfen Bier auf das erwärmte Tuch könnten die Gerüche neutralisieren.
Five bottles left.
19:30
Endspurt. Türe anlehnen. Es muss ja einladend sein. Noch einen kleinen, erotischen Snack zurechtstellen. Ich habe noch Matjes, Sardellen und eine halbe Dose Ravioli im Kühlschrank. Für mich. Vielleicht ein paar Nutellabrote für sie.
Oh Mann, Nutella in Pils getunkt schmeckt nicht. Hätte ich besser Kölsch genommen?
Nur noch vier Flaschen.
Was mache ich hier eigentlich. Warum ist die Wohnung aufgeräumt? Wieso steht der Biomülleimer nicht am gewohnten Platz unter dem Wohnzimmertisch?
Schnell noch die Kronenkorken vom Tisch einsammeln und nach hinten in den Biomüll schnippen. Das Treffen des Ziels mit einem deutlichen Rülpsen feiern. Tut das gut.
20.00
Ein letztes, tiefes Durchatmen. Und warten. Jetzt. Kommt sie?
Wie viele Flaschen habe ich eigentlich noch?
Vier! Ole Ole Ole.... La Ola im Wohnzimmer.
20:30
Warten.
Mir wird schlecht. Den Finger kurz und tief in den Rachen schieben.
Und nun kann es weiter gehen: „Prost, Frau, Frau... ähhhm.“ Auf den FC!
21:00
Warten. Fernseher an. Warten.
Drei Mannschaften auf dem Platz. „Oh, warum hat die dritte Mannschaft nur noch so viele Flaschen... ähem, Spieler mit Pfeife auf dem Platz“
22:00
Zeit für das aktuelle Sportstudio. Ich habe ja noch zwei Krombacher.
23:00
Das waren noch Zeiten. Früher waren noch 20 Flaschen im Kasten.
Warum hat meine Ex mich eigentlich verlassen?

Blind Date, Blind

Die gleiche Geschichte aus einer ihrer Sichten

Schnell geschrieben und ebenso schnell – mit der Ruhe einer Frau – zu lesen.

Ich habe eigentlich immer vermutet, dass Gott damals bei der Erschaffung der Frau als solche, die Cut&Copy-Funktion seines Laptops nutzte. Daher hier aus ihrer Sicht:

00:23

Die Verabredung steht. Ich werde „ihn“ treffen, doch kenne ich ihn nicht.

11:00

Was? Bleibt noch Zeit für ein schnelles Frühstück im Stehen?

Brötchen geschmiert, Kaffee aus der Senseo gezogen und zurück in das Badezimmer. Brötchen und Kaffee auf die Ablage über das Waschbecken gestellt. Ein schneller Bissen. Ein Schluck Kaffee. Zahnputzbecher gefüllt. Zähne geputzt. Kaffee genippt. In’s Brötchen gebissen. Geschluckt. Zähne weitergeputzt. Lidschatten nachgezogen. Zahnputzwasser getrunken.

Ein Blick in den Spiegel.

Erschreckt.

Fertig.

11:36

Zum Coiffeur des Vertrauens geeilt. Termin bereits telefonisch vereinbart. Zigarette unterwegs in der Straßenbahn geraucht. Rausschmiss!

Warum?

11:39

Auf der Straße gestanden. In der Handtasche nach dem Handy gesucht. Dann ein Taxi gerufen. Zum Frisör gefahren.

11:47

In der Handtasche nach Geld für den Taxifahrer gesucht. Hierbei das Handy gefunden und die Zigaretten verloren. Dafür aber ein weiteres Feuer¬zeug in der leeren Tamponpackung entdeckt.

11:49

Beim Frisör in den Spiegel geschaut.

Erschreckt und geschrien: „Mach was dran, Roger! Ich MUSS gut aussehen heute Abend.“

Nervös herumgesessen. Mit den Fingern auf der Lehne des Stuhls getrom¬melt. An seiner Latte Macchiato genippt. Seite 7 der Brigitte gelesen. Einen Blick in das Horror-Skop geworfen. Düster.

11:51

In der Handtasche gewühlt. Geld nicht gefunden und Roger auch nicht bezahlt. Dabei aber einen unerwarteten Fund gemacht: Kondome mit Erdbeergeschmack. Pfui. Von wem waren die noch gleich: Harry? Willi? Bernd? Lutz, der sich Lisa nennt? Oder der Wie-hieß-er-noch-gleich?

Ich hasse Erdbeer am Männerschwanz.

11:52

Roger verzweifelte Blicke zugeworfen.

„Schreib es an. Ich hab’s eilig.“

Laden verlassen, mit den Heels im Gullideckel hängen geblieben. Geflucht. Wirklich geflucht. Die Stadtentwicklungsgesellschaft, das Straßenbauamt, den Bürgermeister und den Magistrat in die Hölle gewünscht.

Schnell zu Ali gerannt. Der Schnellreparaturdienst für Schuhe. Anschließend mit einem Schuh zum Bäcker nebenan gehüpft, denn ganz ohne Schuhe verlässt Frau nie das Haus. Ein Croissant bestellt.

In der Handtasche nach Kleingeld gesucht und ... gefunden.

„Verzeihen sie, Gnädigste. Wir nehmen seit 2001 keine DMark mehr.“

Aber?

„Und Mark der Deutschen Demokratischen Republik akzeptieren wir seit 1989 nicht mehr.“

Wie alt war diese Handtasche?

Hungrig und mit tausend Flüchen auf den Lippen die Hütte verlassen.

11:54

Zurück zu Ali. Schuhe abgeholt und mich über die schlampige Arbeit beschwert. Die Bezahlung verweigert. Ali war froh, dass ich ging, ohne den Laden zu zerlegen.

12:36

In der Handtasche... ich wiederhole mich.

Haustürschlüssel gesucht und Vibrator gefunden. Das leise Surren verriet ihn unter den Briefumschlägen mit den Kontoauszügen. Wie lange mögen Duracell Batterien wohl halten?

12:38

Wieder zu Haus. Tief eingeatmet.

12:39

Ausgeatmet.

12:42

Mit der besten Freunden fünf Minuten getalkt.

„Ja, ich treffe ihn heute Abend.“

„Ja, ich werde pünktlich sein. 20:00“

Männer. Idioten. Haben nur Sex im Kopf.

In der Handtasche gekramt. Handtasche gewechselt.

13:41

Fünf Minuten sind um. Telefonat beendet. Der Handyakku war leer.

13:42

In der Handtasche nach Zigaretten gesucht. Das neue Feuerzeug – das wiedergefundene – benutzt. Eine letzte Kippe in drei Teilen in der Tampon¬packung gesehen. Tampons auf dem Tisch ausgeschüttet. Zigarette zerlegt, neu gedreht und angezündet.

Einen Schreikrampf bekommen. Seit wann haben Zigaretten blassblaue Fädchen?

14:00

Mittagsschlaf zum Wohle der Schönheit.

14:32

Tiefschlafphase.

17:00

Aufgewacht. Auf die Uhr geschaut: 14:00.

Im Unterbewusstsein realisiert, dass der Sekundenzeiger der Uhr sich nicht bewegt. Dem Zeiger keine Beachtung geschenkt. Die Uhr hat ja noch zwei weitere Zeiger. Die werden sich wohl drehen.

17:30

Unter die Dusche. Ahhh. Nun ist die Frisur nass geworden.

Raus aus der Dusche. Abgetrocknet.

17:45

Zurück in’s Schlafzimmer. In der Truhe gewühlt. Dessous rausgelegt, zwecks späterer Entscheidung in schwarz, rot und grün.

Strümpfe gesucht. Mit Naht. Aber auch mit Laufmasche. Strümpfe in die Tonne getreten und nach neuen Strümpfen – in der Handtasche – gesucht. Und Söckchen gefunden. Geht nicht.

Also keine Strümpfe.

17:53

Vor den Kleiderschrank getreten und sämtlichen Mut zusammengefasst. Adrenalin pur, als ich die Türen öffnete.

17:58

Realisiert, dass ich nichts Passendes für den Abend zum Anziehen habe.

An die Handtasche gedacht, aber den Wunsch darin zu suchen verworfen.

18:03

Ich halte die Türen des Schranks offen.

18:09

Die Vorbereitungsphase der Entscheidungsfindung naht. Ich habe drei Kleider herausgelegt. Kurz, kürzer und ... Moment. Das dritte ist mein Schlaf-Shirt. Also wieder rein damit.

18:12

Vertagung der Entscheidungsfindung für die Dauer einer Zigarette.

In der Handtasche... naaaa?

In der Handtasche gewühlt. Zigaretten wieder nicht gefunden, nur den Werbekugelschreiber der FDP. Taugt nichts. Er ist ausgelaufen und die blaue Farbe klebt an meinen Fingern wie Westerwelle an der Macht.

18:37

Meine Uhr zeigt noch immer 14:00. Also noch genug Zeit für die Entscheidung. Deutschland sucht das Superkleid.

Ich nehme Jeans! Da brauche ich auch keine Strümpfe.

18:48

Mein Parfum gesucht. In.... Im Badezimmer. Aber nicht gefunden. Dann ist es wohl doch in der Handtasche.

Gefunden. Der Flakon ist leer!

19:14

Die richtige Uhrzeit realisiert.

Geschrien!

Nochmals geschrien.

Keiner hört mich.

Nicht mehr geschrien. Ohne Publikum muss man nicht schreien.

19:24

Taxi gerufen. Handtasche vom Sofa genommen. Rausgerannt.

19:36

Die große Uhr an der gegenüberliegenden Tankstelle gesehen, während ich auf das Taxi wartete

Montag, 3. Oktober, 19:36 

Montag? Wieso Montag? Nicht Sonntag.

Den Taxifahrer verflucht. Wieder hoch in die Wohnung gerannt. Eine Flasche Sekt geöffnet und ein Blind Date mit meinem Vibrator gehabt. Duracell sei Dank.

Alba gu braith

Und mal wieder nur zweite

2010

»Schon wieder nur Zweite!«

Wütend auf sich selbst wollte die Lichtmalerin gerade ihre Canon gegen die Wand schmeißen. Sie hielt im letzten Augenblick inne und atmete tief durch. Dann legte sie die Kamera auf der burgunderroten Ablage ab und dachte daran, was er dazu sagen würde: „Schade um die frisch gestrichene Wand.“

Der Gedanke zauberte unwillkürlich ein ironisches Lächeln auf ihr Gesicht und sie äffte seinen Tonfall nach: »Mit einer Nikon wäre das nie passiert.«

Ihr nächster Blick heftete sich wieder an die Internetseite von Wiesbaden.de. »Zweiter«, murmelte sie nun enttäuscht und ihr Blick wanderte nach oben, um zu sehen, wer sie geschlagen hatte. »Es sind immer wieder die gleichen Namen, die hier abräumen.«

Sie stand auf, ging in die Küche und kochte Wasser. ‚Wenigstens das kann ich‘, dachte sie ironisch. Anschließend schüttete sie das dampfende Wasser über einen Teebeutel in ihrer Lieblingstasse. Die Ruhe kehrte langsam wieder zurück, als sie auf dem crèmefarbenen Sofa Platz genommen hatte und die Tasse vor sich abstellte.

Ihr iPad lag bereit und sie wagte noch einen Blick auf die Internetseite. ‚Unveränderte Reihenfolge‘, musste sie feststellen und entschied, den Blick nach vorne zu wenden. Sie suchte nach dem Thema für den kommenden Fotowettbewerb, welches sie klein, weiter unten auf der Seite fand. „Mein Portrait – Zuhause in Wiesbaden“

‚Eltville geht wohl auch‘, dachte sie. ‚Oder ich ziehe gleich ins Büro. Dann würde ich in Wiesbaden wohnen.‘

Die Gedanken schwirrten umher, aber formten sich noch nicht zu realisierbaren Ideen. ‚Self, Home, zu Hause, Sofa, Kissen, Erotik…‘ Beim letzten Begriff musste sie grinsen. ‚Wieso eigentlich nicht? Da steht nichts von FSK16, oder so.‘

Sie meinte einen Punkt gefunden zu haben, bei dem sie klar im Vorteil wäre. Sie hatte die schöneren Beine als er. Weniger Haare, oder besser gesagt – gar keine – an den Beinen und ihre Scham war ebenfalls rasiert. ‚Er etwa auch?‘, schweiften ihre Gedanken ab. Und dann schüttelte sie sich und meinte: »Ich will es gar nicht wissen.«

Sie kramte in der untersten Schublade ihrer Kommode und zog verschiedene Dessous heraus, die sie in Erwägung zog. Letztendlich entschied sie sich für Netzstrümpfe und die Strapse in schwarz. Dazu wollte sie ein dünnes, durchsichtiges Hemdchen tragen.

Nachdem sich das Modell und die Accessoires fast selbstläufig ergeben hatten, blieb die Frage nach dem „Wo?“. Sie tigerte durch ihre Wohnung. ‚In Wiesbaden kam es ihr in den Sinn.‘

»Wiesbaden«, grummelte sie, und grübelte weiter über den Ort. »Nicht etwa Eltville?«

‚An diesem Punkt war ich doch schon‘, dachte sie. ‚Eltville musste reichen. Immerhin war die Stadt gemütlicher als dieses Wiesbaden.‘

Ein passendes Ambiente für die Fotos hat sie dann doch auch in der eigenen Wohnung gefunden. ‚Es sollte ja Wohnung sein.‘

Sie schob ihre Liege ans Wohnzimmerfenster, ließ die Jalousien herunter und bewunderte das Zebrastreifenmuster, welches die Frühlingssonne im April auf ihren Körper zauberte. Sie lächelte, wurde übermütig und spielte mit den verschiedenen Mustern. So stelle sie die Kamera aufs Stativ, positionierte sich auf ihrer Liege, Po himmelwärts gereckt und lies die Kamera klicken. Einmal, Zweimal, zwanzigmal, viele Male; so lange, bis sie mit ihren Posen zufrieden war. Sie war selbstkritisch und immer mischte sich bei aller Zufriedenheit über die Arbeit ein Fünkchen Zweifel an der Bildidee und ihrem Mut.

»Ja«, sagte sie, »Für die Massen mögen es schöne Bilder sein. Und die Aufgabe erfüllen sie auch.«

Sie betrachtete die Bilder als Frau und versuchte, in die Haut des Mannes zu schlüpfen, der ihr in letzter Zeit immer wieder Tipps gegeben hatte und sie bereits mit Zebrastreifen hier fotografieren durfte. Vergessen war der Konkurrent, der immer den ersten Platz belegte. ‚In dieser Hinsicht war er höchsten Zweiter‘, lächelte sie.

»Wie würde ein Mann diese Bilder betrachten? Würde er sich die Hose öffnen, seinen Schwanz hervorholen und…«

Sie vollendete ihren Gedanken nicht. Ihre Gedanken waren sprunghaft. Einerseits erregten sie die Gedanken an imaginäre Betrachter, angefangen beim Jury auf Wiesbaden.de, bis hin zum Leser, der ihren anonymen Zebrastreifenpo zu Gesicht bekommen würde. Und dann wendeten sich die Gedanken wieder ihrem heimlichen Mentor zu.

Sie wurde von der Fotografin und zugleich Model zum Objekt ihrer eigenen Begierde und sie wusste: diese Begierde würde gleich wieder in ihrem Bett einen selbstgemachten Höhepunkt finden.

Nachdem sie einige Minuten über die Komposition sinnierte und den Bildschnitt verfeinerte. huschten ihre Blicke immer wieder auf das Zentrum des Bildes, auf den abgedunkelten Bereich zwischen ihren Schenkeln. ‚Würde die prüde Stadt dies zulassen? Würde er dieses Bild fotografisch gutheißen? Egal! Würde er seine Blicke hierin lenken? Würde er Lust dabei verspüren, sie so zu sehen und würde es in ihm die Lust wecken, seine Zunge dort zu versenken?‘

Langsam begann diese Gestalt wieder ein Gesicht zu bekommen. Seine Konturen schärften sich, bis dass sie meinte, ihn zu erkennen. Sie begann ihn zu riechen und erinnerte sich an seinen Geruch, der bereits zuvor durch ihre Wohnung schwebte. In ihren Gedanken materialisierten sich diese Konturen nach und nach. Ihr Blick wanderte ziellos im Raume umher, bis dass sie letztendlich auf dem schwarzen Häuflein aus Strümpfen, Strapsen und dem Hemdchen hängenblieben, welche achtlos dort auf dem Boden lagen, wo sie sich zuvor auf der Liege räkelte.

Sie atmet tief ein, drückte auf „Senden“, klappte ihr Notebook zu und begann aufzuräumen, um sich abzulenken. Sie griff nach den Strümpfen, aber das Gefühl des zarten Stoffs zwischen ihren Fingern ließ wieder andere Gedanken aufkommen. ‚Würde er die Strümpfe wegräumen? Jetzt?‘

Diese Frage beantwortete sie mit „Nein!“

So ließ sie die Strümpfe wieder achtlos aus den Fingern auf den Boden gleiten. Unruhig ging sie umher. Sie musste raus aus diesem Raum. Sie sah ihn nun überall. Wie er auf dem Sofa saß, mit ihr redete, am Herd in der Küche, auf der Terrasse, die Gegend prüfen, als sie gemeinsam am Esstisch zu Mittag aßen. Überall. Sie floh vor seiner Präsenz. Auch im Arbeitszimmer war er, saß vor ihrem Notebook.

So zog sie sich ins Schlafzimmer zurück. Hier war er nie. Hier wähnte sie sich sicher. Aber sie spürte, dass er da war. Irgendwie war er bei ihr. so streifte sie das T-Shirt ab, welches sie nach den Bildern übergestreift hatte – es war ihr einziges Kleidungsstück, dass sie in ihrer Wohnung trug – und suchte sich und den Kissen ihres Bettes vor ihm zu verbergen.

Aber er war auch hier. Seine Hände griffen sanft nach ihren Hals. Sein Atem streifte ihren Nacken. Fingerkuppen fuhren durch ihr Haar. Es gab also kein Weglaufen, nur ein Ergeben in Unvermeidliches.

Mit diesem Gedanken sank ihr Kopf auf die Kissen und die Anspannung kroch aus ihrer Muskulatur.

Irgendwie schwebte sie aus diesem Wachtraum hinüber in einen sanften Schlaf und ließ zu, dass seine Hände über ihren Körper strichen. Er lag hinter ihr und drückte sich sanft an ihre Rundungen. sie spürte seine Anwesenheit und den Druck seines Schwanzes an ihrem Po. Sie griff nach ihm, um zu zeigen, dass sie mehr wollte, als einfach nur da zu liegen.

Sie forderte und er ließ es zu.

Zwei Wochen später fieberte sie den Ergebnissen des Wettbewerbs entgegen. Heute würden die Bilder und Platzierungen veröffentlicht. Aufgeregt und mit zittrigen Fingern tippte sie den Link bei Safari ein und konnte kaum erwarten, dass die Seite aufgebaut wurde.

Noch bevor sie die Seite sehen konnte, zeigte ihr Apple an, dass sie eine neue Mail erhalten hatte. Sie öffnet diese widerwillig, da sie doch so angespannt auf ihre Platzierung wartete, aber die Neugierde, zu lesen, was ihr Dauerkonkurrent im Wettbewerb ausgerechnet heute schrieb, war einfach größer. Und sie las…

„Gefragt war doch ein Portrait des Hauses, nicht der Bewohner der Häuser in Wiesbaden…

…dennoch mit rundem Po sieht ein eckiges Haus gleich besser aus. Gratulation zum ersten Platz!“

Erklärung

2011

Der Unbekannte, schwarzhaarige und muskulöse Endzwanziger reißt die Türe des Büros der Mittfünfziger Steuerberaterin mit Elan auf, lässt diese – also die Türe – gegen einen Aktenschrank prallen und entert den Raum besitzergreifend. Kein ‚Guten Tag‘, keine Begrüßungsformel als Ausdruck gut situierter menschlicher Kommunikationsfähigkeit, sondern stattdessen: „Kann ich mich hier erklären?“

„Nein, das können sie nicht“, antwortet die fast selbstständig arbeitende steuerliche Beraterin verdutzt, aber freundlich. „Aber ich helfe gerne dabei.“ Weiterhin denkt sie: ‚gegen einen kleinen Obolus für mein nächstes Zalando-Shopping natürlich.‘

Der Unbekannte ist irritiert. Nicht, dass er Zalando nicht kennen würde, aber ein Steuerbüro, in dem man sich nicht erklären kann, kann er sich wiederum nicht erklären. Dies veranlasst ihn zur Demonstration seiner intellektuellen Flexibilität, indem er seine Formulierungen der Situation anpasst: „Und wie sieht es mit Übergeben aus?“

Die Antwort fällt entsprechend resolut aus: „Sie übergeben sich hier nicht!“

„Nicht mich. Darf ich meinen Kram hier übergeben?“

„Wenn sie mir sagen, was sie hier übergeben wollen.“

„Ja, hier den Kram.“

„Welchen Kram?“

„Den Kram hier.“

‚Verdammt Intelligenzresistenz‘, kombiniert die Steuerfachfrau. Solche Fälle wünsche ich mir jeden Freitagmorgen zum Anheizen meines Kamins für das Wochenende. Aber wir haben erst Dienstag. Dann setzt sie ihr teuer erspachteltes Fassadenlächeln auf und entgegnet: „Zeigen sie mal, was sie hier haben.“

„Also ich habe ein Einkommen, zwei Ausgaben, Nebenkosten und mein Auskommen. Dazu eine Frau, zwei Kinder und eine Schwiegermutter im Haushalt, aber da bin ich mir nicht sicher, inwiefern ich dies Erschwernis absetzen kann.“

„Aha.“ Nicht nur Intelligenzresistent, sondern auch eine ausgesprochene Emanzipationsallergie mit Beeinträchtigungen des subversiven Nervensystems.

„Und dann habe ich noch etwas zum Absetzen.“

„Und was? Haben sie zusätzliche Werbungskosten? Fahrtkosten? Vorsorgeaufwendungen?“

„Nein. Einen Ghettoblaster.“

„Wollen sie ein Radio etwa als Werbungskosten absetzen?“

„Nicht Radio! Einen Ghettoblaster!“

„GEZ... Gebührenerpressungszentrale...“

„Nein. Ich wollte den… hier auf dem Tisch absetzen. Also abstellen.

Und Belege direkt dazu.“

„Die Belege können sie mir geben.“

„Und den Blaster? Ach, sie verwirren mich.“

„Ich verwirre sie?“ Die professionelle Zahlendreherin zieht ungläubig ihre rechte Augenbraue hoch.

„Also, wie war das noch gleich mit dem Absetzen?“

Langsam neigt sie die Geduld der Formularbefüllerin zu Ende. Aber ohne auf eine weitere Antwort zu warten, drückt der Schwarzhaarige auf die „Play“-Taste des Bankenviertelswegblasters: „You can leave you hat on!“

Sein Gegenüber tippelt schon mit den Fingern auf der Tischplatte; nicht den Takt, sondern aus nervöser Gereiztheit und harrt der weiteren Dinge, die da kommen mögen.

Aber der Unbekannte fährt unbeirrt fort. „Aber ich könnte vielleicht etwas ablegen, wenn ich schon nichts absetzen kann.“

„Legen anstatt setzen? Was soll das denn jetzt?“ Würde sie nun die Lippen noch stärker zusammenkneifen, bestände die Gefahr, dass der Putz bröckelt und die rissige Fassade zum Vorschein käme

„Nein“, erläutert ein entwaffnendes Kukident-Grinsen, welches glatt aus dem Werbeprospekt eines Herstellers dritter Zähne stammen könnte. „Weder Legen noch Setzen, sondern Ablegen.“

„Verschonen sie mich doch mit dieser Wortklauberei und erklären sie sich endlich.“

Ohne weitere Worte knöpft der Unbekannte sein Hemd auf, streift es sich von den Schultern und … legt es ab.

„Stopp! Stopp! Stopp!“ Wild fuchtelnd versucht die finanzamtlich zahlendrehende Hilfserklärerin die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Aber der schwarzhaarige streicht sich zur Antwort nur eine pomadige Strähne aus der Stirn.

Dann greift er zum Reißverschluss der Hose, hält einen Augenblick inne, reißt sich die Hose von den Beinen und schleudert ihr das Stück zu. Reflexartig fängt die gewerbesteuermindernde Dame - jene, nicht vom Gewerbe - das Kleidungsstück auf.

Nun steht sie da; seine Hose in ihrer Hand, den Blick ängstlich auf seinen entblößten Unterkörper gerichtet und er meint lapidar:

„Herzlichen Glückwunsch! Ihre Kollegen haben ihnen einen Strip zum Geburtstag geschenkt!“

Corona

Unvermittelt ganz aktuell

Leiden sie eigentlich noch an Viren oder haben sie schon ein App?“

Fragend schaute ich meinen Arzt an: „App?“

Mein Arzt blickt ebenso verständnislos von seinem iPhone auf, und seine grauen Augen blitzten mich fragend über den Rand seiner Nickelbrille an. Scheinbar vermutete er mich auf irgendeiner Datenwolke, ‚In the cloud‘.

„Früher“, begann er zunächst widerwillig zu referieren, „da hatte man es noch mit Viren zu tun. Diese infizierten Körper und EDV. Damals, als Menschen noch aus minderwertigem Fleisch und rotem Blut bestanden. Aber das ist lange her.“ Ein kurzer Seufzer unterstrich die Bedeutung der Aussage, dass wir schon längst in einem neuen Zeitalter angelangt waren. „Wenn man ein App hat, dann braucht man keine Viren mehr. Apps erledigen alles viel einfacher und kontrollierbarer. Denken sie doch nur an die Grippeepidemien. Einmal generiert, war der Virus kaum noch steuerbar und Rückmeldungen praktisch unmöglich. Einen gezielten Befall gab es nicht. Viren war nicht wählerisch.“

„Und woher soll ich wissen, ob ich ein…“

„App!“, ergänzte er. „Das kommt von APPlication.“

„…habe?“

„SIE müssen doch wissen, ob sie einen App-Store besucht haben. Sie haben doch sicher das Bronchitis-App gedownloaded.“

Irgendwie fühlte ich mich krank und unverstanden. ‚Früher‘, dachte ich, ‚da hatte man Bronchitis und trieb den Virus mit Tee, Inhalationen und Aspirin aus. Und heute? Wie treibt man ein App aus? Nimmt man da den Virenscanner? geht nicht. VIRENscanner! Verschreibt man sich ein Betriebssystemupdate anstatt eines Hustenlösers?‘ Die Welt hat sich unbemerkt unter mir weggedreht, aber wohl vergessen, mich zugleich zu defragmentieren.

Während ich noch immer in meinen Gedanken versunken war – irgendein Systemprozess beschäftigte mich doch sichtlich – kommunizierte der iDoc via Fratzenbuch-Clubmail mit irgendeiner ehemaligen Kommilitonin. Er wird sie wohl nie real nie kennengelernt haben. Wozu auch? In seiner Datenwolke existierte sie real.

Er realisierte, dass ich noch immer anwesend war, ohne dass ich ihn über PingZing angestupst habe. Dabei dachte er, dass mein Task schon längst abgeschlossen sei. Er realisierte auch sogleich, dass irgendetwas das Beenden meiner Anwesenheit auf seinem TFT verhinderte. Und so zwang er das Programm zu einer Reaktion: „Sie haben aber wenigstens ihre Krankenversicherungskarte dabei?“ Ein Vorwurf klang bereits vorsorglich – in Erwartung einer negativen Antwort – in seiner Stimme mit. „Ansonsten könnte ich ihr Betriebssystemupgrade nicht in Rechnung stellen.

„Das nicht,…“ Als hätte er es geahnt. Ein nervösen Zittern umspielte seine Mundwinkel.

„…aber ich hätte…“

Seine Augen bekamen plötzlich dieses unübersehbare Dollarzeichen-Funkeln, als ich meinen neuen Perso aus der Brieftasche zog.

„Noch besser! Wenigstens etwas Positives heute. Ihr Betriebssystem ist ja doch über das 33-Bit-Stadium hinausgewachsen.“ Und schon entriss er mir das Stückchen Plastik; betrachtete seine Beute und ließ sie behende in einem Kartenlesegerät verschwinden.

„Oha!“ Seine Stimmung schlug wieder um. Sein mitleidiges Stirnrunzeln machte mich skeptisch und neugierig zugleich. Das Unheil zeichnete tiefe Furchen auf seiner Stirn. „Sie haben weder ihre Steuererklärung rechtzeitig eingereicht, noch ihre JoyClub-Mitgliedschaft beglichen. Und schauen sie hier…“ Seine Finger glitten über den 26 Zoll 3D-Monitor hin und her, bevor sie unter einem Aktendeckel verschwanden, in der er einige virtuelle Seiten umwälzte.

Er hatte meine vollste Aufmerksamkeit.

„…hier! Der letzte Scan ihres Ausweises, vorgestern in der Sodo-Bar. Und da meinen sie noch, keine Apps geladen zu haben.“

„Zumindest nicht wissentlich. Und sicher keine Bronchitis.“

Ich musste schlucken und die Farbe wich mir irgendwohin, wo sie keiner mehr findet, so lange ich angekleidet war.

„Ich sage nur Blauzahn!“ Mein iDoc schien irgendeine Antwort zu erwarten, aber ich schwieg. Ich kenne Blauwal, Blaukraut, Blaubeeren, aber Blauzahn?

„Eine gute und eine schlechte Nachricht habe ich für sie. Es ist keine Bronchitis. Sie haben sich das iSyphilis App gezogen“, fuhr er fort. „Mit wem haben sie sich gekoppelt? Es ist meldepflichtig. Gestehen sie! Sie wissen doch, sie können hier auch gleich virtuell beichten. Ich leite ihre Stoßgebete per Voice-eMail ‚over the cloud‘ weiter, so dass sie als MMS-SMS beim Pfaffen ihrer Wahl ankommen werden. So kann er ihnen sogleich auch eine adäquate Buße auferlegen.“

Sogleich sah ich, wie er den Datensatz meiner virtuellen Existenz an die zuständigen Gesundheitsbehörde übermittelte.

„Ich muss das melden. Ich werde eine entsprechende Statusmeldung in ihrem Fratzenbuch-Account setzen müssen, um ihre möglichen Bluetooth-Verbindungen zu warnen.

„Syphillis? Ist das nicht gefährlich?“

„Ach belästigen sie mich nicht mit ihren Wehwechen.“

„Aber ich…“ Meine Stimme wurde immer dünner.

„Sie sind noch immer hier?“

„Aber ich…“

„Hier! Ich schicke ihr Strychnin-Rezept direkt an die Apotheke. Das hat schon damals nicht geholfen. Wird es auch diesmal nicht.“

„Aber ich…“

„Ruhe. Ihr Lifecycle-Management wurde sowieso nie gepflegt. Wissen sie: Regelmäßige Updates ihres Flash-Players.“

„Ich hab‘ doch keine Flashs. Sondern Bronch…“

„Na dann warten sie mal, bis dass sie das Strychnin genommen haben. Dann sehen wir mal weiter.“

Ich wollte noch etwas entgegnen. Wollte ich. Aber nachdem wie gerufen seine Dockingstation mit 38D-Titten in der Türe erschien und den iDoc an seinen nächsten Termin – auf dem Golfplatz erinnerte – trottete ich von dannen.

Zu Hause brühte ich mir einen Kamillentee, trank Brühe, und genoss die Wärme des Bettes.

Am nächsten Morgen war alles Geschichte. ‚Ein böser Traum‘, dachte ich. Nachdem ich mich im Fratzenbuch eingelogt habe und mir die Syphilis-Warnung entgegensprang.

Bleistifte

Beitrag zu einem Kurzgeschichtentreffen, Kommern 2014

Alles begann mit diesen verdammten Bleistiften. Oder genauer; es begann mit dem einen Stift, der fehlte.

Erst vor kurzem, da habe ich mir aus einer Laune heraus ein Dutzend Bleistifte gekauft. Irgendwo hatte ich gelesen, dass Ernest – wenn ihm eine Geschichte nicht gefiel – seinen Bleistift zur Strafe in den Papierkorb warf. So projizierte er das Gefühl seines Unvermögens auf den Bleistift.

Diese therapeutische Maßnahme schien auch bei mir zu wirken. Acht Bleistifttrabanten lagen nun nach irgendeiner orbitalen Systematik angeordnet in der Ecke und erkoren den Papierkorb zum Fixstern des Bleistiftuniversums.

Aber der Reihe nach:

Drei Ansätze, eine Gruselgeschichte zu schreiben, habe ich hinter mir. Dreimal Unsinn. Die Versuche, gruselige Gruselgeschichten zu schreiben waren zum Gruseln. So schlecht waren meine Ideen.

Zuerst dachte ich an eine kannibalistische Hexe, die kleine Kinder einsperrt, um sie zu grillen. Oder von mir aus, auch zum Dünsten. Anschließend sollten die Brut als kulinarisches Mahl herhalten, während ein versklavtes Mädchen nichtsahnend das Mahl aufzutragen hatte. Knallhart, die Geschichte. Kein Fernsehsender würde es wagen, so etwas vor Mitternacht zu bringen. Dagegen hinterließen Hannibal Lectors Mahlzeiten den Eindruck von Softeis in der Mittagshitze.

Vor zwei Wochen quälte ich meine Tochter mit der Geschichte, um zu prüfen, ob sie für unser Halloween-Treffen taugt. Aber sie meinte nur gelangweilt: »Was soll der alte Kram? Das hat der Grimm doch schon geschrieben. Und besser!«

Zu diesem Zeitpunkt krampften sich meine Finger im Groll um den neunten Bleistift und ich zielte nach dem Papierkorb. Er liegt nun hinter dem Blecheimer auf der Orbitalbahn des Neptuns.

Am nächsten Abend besann ich mich auf eine Bestie. Sie sollte voller Tücke kleine Mädchen in die Falle locken und alles fressen, was sich ihr in den Weg stellte. Zunächst räumte das Vieh im Altersheim auf und reinigte den Wald von überflüssigen Seniorinnen. Anschließend schmückte sie sich mit dem Bettgewand der Alten als Trophäe, schob die Bettpfanne beiseite und nahm den Platz der Alten auf der behindertengerechten Bettstatt ein. Und als das niedlich Ding mit Geschenken, als da wären: Tiefkühl-Lasagne von Lidl, einer Flasche Pennerglück in Rot, und der Bildzeitung auf ihrer Vespa vorbeiraste und die Kapuze ihrer roten Benchjacke zurückwarf, fiel die Bestie über das Mädchen her. Dann vergewaltige das Vieh das Mädchen und fraß sie zur Lektüre des Druckwerks mit den großen Lettern – wegen des Sodbrennens – in kleinen Happen.

»Ach Papa«, meinte meine Tochter. »Auch damit hat der Grimm uns schon damals gelangweilt. Hast du nichts Besseres?«

»Diese Grimms! Diese Plagiatoren! Wieso hatten die immer meine Ideen?« Zuerst verschwanden diese Zeilen im virtuellen Papierkorb meines Notebooks. Dann folgte der zehnte Bleistift auf seinem ballistischen Weg zum realen Papierkorb.

»Ping!« Es klimperte kurz und der Bleistift prallte von der Kante des Blecheimers ab. Lottozettel sollte er nicht ausfüllen. Er würde nicht treffen.

Zehn! Ein Dutzend ist fast voll. Na ja; einen gewissen Schwund musste ich einkalkulieren. Einen Bleistift habe ich meinem Hund überlassen müssen. So bleibt mir nur noch ein Versuch. Einen weiteren Fehlgriff durfte ich mir nun nicht mehr erlauben.

Nur noch ein Bleistift.

‚Wie wäre es mit Drachen‘, kam es mir in den Sinn. ‚Drachen sind immer für eine Geschichte gut.‘ Den Gedanken verwarf ich bereits, bevor ich anfing zu schreiben. Andere können ‚Drachen‘ besser. Dies war einfach nicht mein Metier.

Mir gruselte es bereits vor der Reaktion meiner Tochter, wenn ich mit so einem Schuppentier ankomme. »Drachen«, wird sie wohl sagen, »die hat der Prinz doch schon alle weggemeuschelt.«

Und sie würde Recht haben. Drachen! Die gibt es längst nicht mehr, seitdem so ein Idiot in ‚Shining Armor‘, oder hinter chromblitzenden Stoßstangen den letzten seiner Art des Nachts mangels Beleuchtung und Fahrkünsten zwischen Wesseling und Brühl von der Landstraße fegte.

»Drachen scheiden also aus«, nuschelte ich und dachte dabei irgendwie an meine Frau.

‚Es wird Zeit, dass ich mich der Moderne zuwende‘, dachte ich. ‚Terror-verbreitende Jungendbanden, die raubend und marodierend eine Spur der Vernichtung hinterlassend durch die Stadt ziehen. Verbrannte Erde, wo sie nur in Erscheinung treten. Der Stoff, aus dem heute die großen Geschichten geschrieben werden. Sozialkritisch, spannend und von blutigster Realität.

Ich malte mir aus, wie diese Triebtäter Sprengsätze in die Pfeife des Sozialarbeiters steckten und jener des Nachts mit verkohltem Gesichte den ärztlichen Notdienst aufsuchen musste. In meinem Hirn malte ich die Welt schwarz. Ach was! Schwarz war nicht dunkel genug, um diese Abgründe zu beschreiben. So beschrieb ich in eloquenter Breite das trommelfellzerreißende Brüllen der Nachtigallen im späten Herbst. Ich malte die eiskalten Strahlen der Abendsonne blau. Stimmungsbilder die einen frösteln lassen. Kalter Schweiß perlte über meine Stirn, als ich das hinterhältige Schnurren von Nachbars Katze beschrieb. Armageddon im Vorgarten. Bald wird es dunkel in der maroden Welt und die Terrorkids kriechen aus feuchten Kellergewölben. An diesem Abend werde ich einen Einbruch beschreiben!

‚Nein‘, besann ich mich kurz. ‚Viel zu profan.‘ Ich lasse das wie bei Mission Impossible werden. Trickdiebstahl durch das Oberlicht der Metzgerei. Mit speziellen High-Tech Angelruten aus Kohlefaser und Aramidsehnen, Magnesiumhaken und lautlosen Aufwickelmechanismen, mit Spiderman-Hafteigenschaften und Batman-Stärke werde diese Jungs hoch über den Dächern der schlafenden Nacht zu schlagen. Und niemand, wirklich niemand, bekommt Gelegenheit, noch rechtzeitig Superman zu rufen.

Und dann ließ ich die Jungs loslegen und alle Chicken Wings aus der Pfanne angeln.

Mit düsterster Stimme, gesenkter Lautstärke und bei flackerndem Kerzenlicht trug ich die Geschichte vor. Meine Tochter sank immer tiefen in die Kissen und murmelte nur entnervt: »Max und Moritz bei der Witwe Bolte.«

Verwirrt stand ich da. Ich rang nach Luft, bevor ich aus dem Zimmer stürzte und in mein Arbeitszimmer rannte. Ich griff nach dem letzten Bleistift, aber mein Griff ging ins Leere. Keine Bleistifte! In Panik schaute ich mich um. „Bleistift“, dachte ich nur. Sie bohrten sich durch Augen und Ohren ins Hirn. »Bleistift!«, schrie ich. Krämpfe bemächtigten sich meiner. In letzter Verzweiflung schmiss ich das Notebook aus dem Fenster. Aber der Schmerz blieb. Frust. Verzweiflung. Das Ende der sinnhaften Existenz. Ich dachte an Ernest. Bleistifte werfen! Dieser Idiot! Nicht die Tatwaffen, der Täter musste springen. Und so sprang ich hinterher.

Noch im Fallen meinte ich, Frau und Tochter lächelnd am Fenster stehen zu sehen.

Als ich Tage später aus dem künstlichen Koma zurückgeholt wurde, vernahm ich meine Frau am Krankenbett zur Tochter flüstern: »Mona, du hättest den letzten Bleistift nicht verstecken sollen.«

»Doch«, entgegnete sie. »Er hat mit seinen Geschichten nur noch genervt.«

»Stimmt«, erwidert meine Frau verklärt lächelnd. »Und die Zeit zwischendurch mit dem Nachbarn hatte auch Vorteile.«