Am Ende des Schmerzes

Nur wer den Schmerz erlebt hat, kennt den Blues.
Nur wer die Freude erlebt hat, ist in der Lage, den Blues zu spielen. Freude und Leid gehören zusammen. Ohne das eine gibt es das andere nicht.
Nun sitze ich hier mit ihr im Studio. Rücken an Rücken. Wir sehen uns nicht. Schauen bewusst in entgegengesetzte Richtungen. Aber wir spüren uns:
Back2Back and Skin2Skin
Wir hören ‚Pride And Joy’ von Stevie Ray Vaughn, einem weißen Blueser, aber nun gesungen von Bonnie Raitt. Eigentlich passt es nicht zur Situation. Dem Song fehlt die Ruhe. Wir hören dennoch zu und folgerichtig breitet sich Unruhe und Unwohlsein aus.
Ich stoppe die CD, denn der Mensch an meiner Seite wird unruhig. Ihr Rücken bewegt sich unmerklich und reibt sich an meinem.
Nun aber genießen wir für einige Minuten die Stille. Eine Gitarre liegt neben mir. Die Ovation mit dem weichen, vollen Klang. Ja sie könnte auch beißen, wenn ich sie ließe. Aber sie ist im Wesen ein ruhiges Instrument.
Wenn Stevies Musik nur nicht wäre, ja dann ...
Ich weiß sofort, was ich spielen werden ...
Der kleine Finger greift auf den siebten Bund der D-Saite ein A, der Zeigefinger anschließend im vierten Bund auf der G-Saite das H, um dann mit einem Slide in den fünften Bund bei C zu landen. Dann weiter zum siebten Bund, zum D ...
... ein altes Stück Musik. Ein Blues von Carlos Santana: ‚Samba Pa Ti’.
„Latin“ Blues. Nicht Samba.
Sie beruhigt sich wieder. Es ist schön zu spüren, wie meine Musik Ruhe geben kann. Sicher ist es auch passender, selbst zu spielen, als diese Konservenmusik zu hören. Die innere Unruhe weicht gemächlich wieder aus unseren Köpfen.
Stevie war wohl doch daneben. Vielleicht ist es so, als würde man Ozzy Osborne zur weißen Hochzeit in der Kirche spielen lassen.
Es ist interessant zu sehen – nein: nun zu spüren – wie Musik unsere Stimmung unterstützt und vielleicht auch lenkt.
Eine kleine Improvisation .., sanft und leise auf G-Dur, H-Moll, E-Moll und A-Moll7 und wieder zurück auf G.
Mitnichten klingen diese Moll-Akkorde traurig! Es sind Carlos’ Akkorde. Nehmen wir noch ein D-Dur und ein paar Septimen hinzu, dann wird es tief, gefühlvoll, hineingleitend in eine Trance.
Die Musik umfängt uns. Ich spiele diese Akkorde nur für sie.
Ich spüre, wie sie sich bewegt. Nun ist es ein anderes Bewegen.
Nicht, wie die Hektik zuvor. Es fühlt sich wohlig an. Sinnlich. Ich spüre ihre Haut warm an meinem Rücken.
Ich habe das Bedürfnis, mich umzudrehen und sie anzuschauen. Aber ich wiederstehe diesem Wunsch und konzentriere mich auf das Fühlen der Wärme an meinem Rücken.
Stattdessen schließe ich meine Augen. So sehe ich sie viel besser. Das innere Auge erkennt Menschen besser als die äußeren Augen, die lediglich die Hülle eines Menschen erfassen.
Im Mittelteil von Samba Pa Ti ändert sich die Lage. Die Finger gleiten hoch zum zwölften Bund. Der Anschlag wird lauter. Aber ich spiele Samba Pa Ti weich mit den Fingern. Ohne Plectrum.
Meine Finger ruhen einen Augenblick auf dem Griffbrett. Ich halte inne und lasse die Töne ausklingen.
Nein, ich werde jetzt nicht den lauten, starken Mittelteil spielen. Das Erlebnis mit ‚Pride and Joy’ habe ich noch zu gut im Gedächtnis. Stattdessen leite ich zu ‚Europa’ über. Ebenfalls von Santana.
Ich gleite vom Blues in eine Mischung aus Salsa und... will einfach nur fühlen: Musik und Haut.
Ich will vergessen. Abtauchen in eine andere, schöne Welt voller Zufriedenheit. Der Wunsch soll Realität werden können. Zumindest sollte er es können.
Ihren Rücken spüre ich und mit geschlossenen Augen sehe ich sie.
Ich rieche ‚l’Instant‘ von Guerlain. Ihr Parfum. Zum Glück rieche ich nicht mich selbst. Ich rieche sicher nach ‚Obsession’ von Calvin Klein und nach Schweiß von mir. Irgendwie. Denn unsere Probe zuvor war lang und anstrengend.
Wir reden kein Wort. Jedes einzelne davon würde nun stören.
Sie dominiert mein Denken, aber dennoch schweifen meine Gedanken ab. Ich merke gar nicht, dass ich mich längst vom Fluss der Melodie entfernt habe. Ich habe ein Thema von Astor Piazzolla aufgenommen. Einen Tango Nuevo. Ein wenig rhythmischer als der Blues. Ein wenig lauter und lebendiger.
Das Stakkato des Daumenschlags beim Spielen der Basssaiten klingt nach und unsere Körper reagieren auf diesen Rhythmus. Und prompt merke ich etwas mehr Druck am Rücken. Sie reibt ihre Haut an meiner.
„Astor hat schon immer gute Dienste geleistet.“ denke ich nur, obwohl ich es nicht so meine. Ich drücke den Gedanken beiseite. Meine Musik drückt Gefühle aus. Sie soll nicht dominieren oder lenken. Sie darf es nicht. Die Musik ist der Ausdruck des Gefühls, aber nicht dessen Ursache.
Es bleibt nicht dabei. Warum nur gibt es so viele verwandte Musikrichtungen? Auf Kuba gibt es nichts schöneres als die Musik des Buena Vista Social Clubs. Lässig, locker, voller Freude und Erfahrung. Wieso denke ich jetzt an die alten Herren mit ihren Zigarren im Clubsessel sitzend? Was hat dies mit ihr zu tun?
Das Leben beschreibt sich immer wieder in den gleichen zwölf Halbtonschritten; aber immer wieder anders kombiniert zum Melodie unseres Daseins.
Nun lehne ich mich selbst zurück. Verstärke den Druck ein wenig. Nur ein wenig. Ich sehe sie immer besser. Meine Augen sind noch immer geschlossen.
Ein wenig improvisiere ich. Mir kommen die Harmonien von ‚Tears in Heaven’ auf Fis-Moll in den Sinn. Ein Stück, so wunderschön, wie auch traurig zugleich. Eine wunderschöne Traurigkeit voller Glück. Kann man dies beschreiben?

Do you know my name,
If I see you in heaven.


Ich spüre Tränen. Meine Tränen. Ich denke an dieses Jahr 2001 zurück, als ich dieses Lied erstmalig hörte. Als 9-11 geschah, als Clapton seinen Sohn verlor und ich orientierungslos und „undersexed“ umherlief.
Diese Gedanken sollen nun aber nicht mein Denken bestimmen. Also schnell auf etwas anderes fokussieren. Aber auf was? Ich kann und ich will meine Gedanken nicht kontrollieren.
So halte ich einfach inne, um meine Konzentration zu sammeln.
Man kann keinen Blues aus dem Kopf heraus spielen, wie es der weiße Mann meint. Zu meinen: „Jetzt spiele ich mal einen Blues“ kann es nicht geben. Darf es nicht geben.
Blues kommt immer aus einem schwarzen Bauch. Immer. Manche weißen Männer haben schwarze Bäuche, wie Eric Clapton, Gary Moore oder eben Stevie Ray Vaughn. Und auch mein Bauch wird immer dunkler.
Ich spüre diese Traurigkeit in Verbindung mit den glücklichen Momenten. Ich spüre dies Besitzen, Teilen, Loslassen und Freigeben. Ich spüre Nähe in der Distanz. Ich habe alles und nichts zugleich.
Warum kann ich eines davon nicht aufgeben, das andere behalten, ohne beides zu verlieren? Warum?
Sie spürt meine Verwirrung. Mein Zögern. Sie merkt, dass diese unvermittelte Stille irgendwie gebrochen werden muss, um mich aus der Melancholie zu erwecken.
Auf einmal spüre ich ganz sanft – kaum merklich – wie sich ihre Hand auf meine Hüfte legt.
Ich wage nicht zu atmen. Reagiere nicht und fühle mich gelähmt, doch fliegend, im Gefühl dieser zärtlichen Geste. Sie hat gemerkt, dass ich zögere.
Ihre Hand bleibt, während ich zugleich merke, dass der Druck im Rücken nachlässt, gar nicht mehr zu spüren ist.
Ich bin irritiert. Aber ich spüre ihre Hand und weiß. Sie ist da. Sie ist nahe.
Für eine Sekunde vermisse ich sie. Ich sinke nach vorne, aber halte meine Augen geschlossen, denn ich spüre ihre Hand.
Irgendwann halte ich es nicht mehr aus. Ich möchte ihre Hand ergreifen und öffne meine Augen.
So drehe ich meinen Kopf und schaue mich um. Ich lehne an einer Wand im Studio ...

... und bin allein. 

RavenFox

Don't ride the crazy train.
I'm driving it.

c: 2021 by Bernd Pesch